„Ich weiß, ich sollte mir überlegen, was ich zukünftig beruflich mache. Mein Körper und mein Beruf, das passt weniger und weniger zusammen. Ich sage mir täglich: Kümmere dich. Setze dich damit auseinander, spreche die Personalabteilung an. Aber ich tue es nicht. Ich stecke meinen Kopf in den Sand und kämpfe täglich weiter. Täglich gehe ich über meine physischen Grenzen hinweg. Es kostet auch so viel Kraft, mir nichts anmerken zu lassen nach außen. Am Abend und am Wochenende bin ich einfach nur kaputt.

Ich bin oft so traurig und dann mache ich mir wieder schreckliche Vorwürfe. Es hat mir so gut getan, deinen Artikel darüber zu lesen, https://sehheldin.eu/warum-ohne-echten-abschied-kein-neuanfang-gelingen-wird/. Ich danke dir dafür.“

Dies erzählt mir Karin als Reaktion auf diesen Post. Karin ist Mitte 40 und liebt ihren Beruf als Krankenschwester. Sie hatte Krebs. Eine Reaktion auf diesen Post von mir, die mich so sehr berührt, weil ich merke: Meine Botschaft kommt an, bei so vielen Menschen. Aber nun zurück zu Karin, zu dir.

Warum du noch nicht handeln kannst (und das völlig normal ist)

Du solltest, aber du kannst noch nicht? Bitte mache dir keine Vorwürfe. Es ist schwer! Es geht nicht einfach mal so. Es geht um nichts Anderes als um deine Identität und dein Leben. Es geht um Abschiednehmen.

Von außen scheint alles so logisch. Krank, Körper macht nicht mehr mit, dann muss man in den sauren Apfel beißen und etwas verändern. Die Menschen deiner Umgebung schütteln vielleicht sogar den Kopf: So eine vernünftige Frau. Warum kümmert sie sich nicht, sie merkt doch, dass es nicht mehr geht. Vielleicht sogar: Jetzt ist gut, jetzt muss sie doch mal Konsequenzen ziehen. Klar ist es schwer, aber so ist das Leben eben. Jetzt muss sie sich mal am Riemen reißen und Schritte setzen.

Stopp. Du musst gerade und sowieso gar nichts. Du darfst verstehen: Es ist wirklich nicht einfach. Du bist so gar nicht alleine. Es gibt Gründe für dein Zögern.

Grund 1: Du liebst deinen Beruf und definierst dich über ihn

Was für ein Glück. Du liebst deinen Beruf. Du strahlst, wenn du von deiner Arbeit erzählst. Du identifizierst dich mit dem, was du tust und erreichst hast. Selbst, wenn du dich über deinen Chef aufregst oder die neuesten Umstrukturierungen. Deine Arbeit, das bist auch du. Sie macht dich aus. Du bist gut, vermutlich sogar richtig gut. Du hast hier lange für gelernt und dich immer weitergebildet.  Du lebst und liebst das, was du beruflich tust. In gewisser Weise bist du dein Beruf. Wie viel fällt für dich weg mit einer Entscheidung, dich beruflich zu verändern.

Wir Menschen verändern Liebgewonnenes dann, wenn wir müssen. Nicht, weil uns die Vernunft es aufträgt. Solange es noch irgendwie geht, ist es unsere natürliche Reaktion, weiterzumachen. Noch mehr gilt dies für Zeiten, in denen uns die Kraft fehlt, eine neue Lebensvision zu entwickeln. Vergiss nicht: So ganz nebenher verarbeitest du noch einen schweren Verlust.

Grund 2: Verdrängung & Nicht-Wahrnehmen- Wollen

Ja, Karin steckt den Kopf in den Sand. Wie wir alle unseren Kopf in solch einer Situation zunächst in den Sand stecken. Es geht doch noch, oder? Ach, so schlimm ist es doch gar nicht. Heute habe ich einfach einen schlechten Tag.

Kennst du sie auch, diese Versuche, dir deine Situation schönzureden? Es nicht wissen zu wollen – bewusst oder unbewusst?

Und morgen kommt dann noch so ein schlechter Tag und dann noch einer.

Wenn du dann abends so auf dem Sofa sitzt oder liegst und nichts mehr geht, überfällt dich die Traurigkeit. So hatte ich mir mein Leben nicht vorgestellt, denkst du vielleicht. Das ist doch kein Leben, arbeiten und schlafen. Ich möchte schöne Dinge erleben und Freunde treffen. Aber es hilft ja nicht, denkst du. Dann ruhe ich mich mal aus und morgen geht’s weiter. Es geht ja noch. Andere haben es auch nicht immer leicht.

Auch das ist völlig normal. Wir möchten, dass unser Körper mitspielt. Wir möchten so gerne, dass wir weiter tun dürfen, was wir so gerne tun. Wir möchten überhaupt auch unsere Ruhe. Nicht schon wieder uns an etwas anpassen. Nicht schon wieder über unseren Körper nachdenken und unser Leben danach einrichten.

Es kostet so viel Kraft und Mut anzuerkennen, dass es nicht mehr geht. Dass wir diesen Kampf nicht gewinnen können. Das braucht eine Weile. Wir möchten uns innerlich nochmal kurz ausruhen dürfen, bevor wir diesen Weg gehen. Paradox, oder? Wir suchen unser emotionales Ruhekissen in etwas, was uns viel körperliche Kraft kostet.

Irgendwann wirst du diesen Weg gehen müssen. Irgendwann sagt dein Körper: Es geht nicht mehr. Jetzt ist Schluss. Oder du bist dir gewiss: So will ich das einfach nicht mehr. Gehe die nächsten Schritte dann, wenn DU so weit bist. In deinem Tempo. Your way.

Grund 3: Die Gesellschaft definiert dich über das, was du tust

Was den Abschied oder die Umorientierung besonders schwierig macht: Jede gesellschaftliche Situation erinnert dich schmerzlich daran, wie wichtig es ist für unsere Umgebung, was wir tun: „Und was machst du beruflich?“

„Ich bin Projektleiter bei…, Ingenieurin, Führungskrafttrainerin, Krankenpfleger.“ Welch wunderbar einfache Antworten. Deine Gesprächspartner können dich einordnen und du bist „wer“.

Wenn du deinen Verlust selbst im tiefsten Inneren noch nicht akzeptiert hast, dann hörst du aus dieser Frage: Ich bin nicht interessant, wenn ich einfach ICH BIN.

Wir definieren unsere Identität oft zu großen Teilen über unser berufliches Ich. Wenn wir keine Kinder haben oft zu fast 100%. Wir sind unser Beruf.

Die Welt definiert uns häufig über das, was wir in der Welt sind, nicht wer wir sind. Ach, was macht Karin denn beruflich? Viel zu selten fragen Menschen: Was ist Karin für ein Mensch? Warum seid ihr befreundet? Für was schätzt du sie so sehr? (auch als Kollegin)

Es kostet Mut und innere Stärke dieser (gefühlten) gesellschaftlichen Erwartung etwas Anderes entgegenzusetzen.

Erst DU – und dann die neue Zukunft

Ich erinnere mich noch genau an den Moment. Ich saß in einem Café in Nijmegen, mein Notizbuch vor mir, bereit meine nächsten beruflichen Schritte zu planen. Stattdessen schreibe ich spontan oben auf die leere Seite: „Wer bin ich, wenn ich nicht mehr international-tätige Begleiterin von Workshops und Trainerin bin? Nicht mehr selbstständig, nicht mehr ständig im Gespräch über professionelle Themen, die mich begeistern und ausmachen?


Ich starre auf die Frage. Und merkte: Ich habe keine Antwort. Kein schöner Moment. Und gleichzeitig ist es eine Art Initialzündung, ein enorm wichtiger Moment auf meinem Weg.

Denn erst als ich immer besser wusste, wer ich bin – als Mensch, als Anne, nicht als berufliche Identität – konnte ich frei nach Vorne sehen.

Erst, wenn DU DICH wirklich siehst, wirst du auch eine neue Zukunft sehen können.

Das ist keine Phrase. Das ist die Reihenfolge. Wirklich.

Damals schreibe ich unter Anderem auf: Mitfühlend und -denkend, neugierig, verbindend. Offen für neue Welten und andere Perspektiven. Die, die immer die unbequemen Fragen stellt. Die, bei der Menschen sich gesehen fühlen. Die, die schnell denkt und in Komplexität Muster sieht. Tieftauchend. Das bin ich. Ich als Mensch, ohne meinen Berufstitel.

Bevor du also anfängst zu planen, ist da diese eine Frage, die die Basis von Allem weiteren ist: Wer bist du, wenn du nicht mehr das bist, was du beruflich tust?


Das geht nur, wenn du ein starkes Bild von dir hast. Ein Bild in leuchtenden Farben, das dich ausfüllt und wahr ist. Ein wahrhaftes, positives Bild davon, wer du bist. DU als Person. Du, wenn du einfach DU bist.

Ein Abschied von deinem Beruf kann dir nur dann wirklich gelingen, wenn du weißt: Ich bin wunderbar. Ich bin einzigartig. Ich bin ICH.

Das ist Schritt 1.

Erst, wenn DU DICH wirklich siehst, wirst du auch eine neue Zukunft für dich sehen können.

Ich bin überzeugt: Dieser Schritt kommt VOR neuen Plänen, vor neuen Zukunftsideen.

Fühlst du einen Widerstand? Hörst du eine Stimme, die sagt: Ja, ja, natürlich bin ich eine wunderbare Zuhörerin und loyale Freundin (zum Beispiel), aber das interessiert doch keinen.

Wenn du denkst, dass es keinen interessiert, dann interessiert es auch niemanden. Wenn du nicht an deinen eigenen Wert als du selbst glaubst, wer sollte es dann tun?

Nein, du bist nicht alleine. Es gibt nichts, wofür du dir Vorwürfe machen musst. Deine Reaktionen sind so menschlich.

Dein erster Schritt, der dich weiterbringt

Wie lange habe ich diese Stimme gehört, sehr laut sogar. Dann haben mir Coaches und Therapeuten gesagt, ich solle nach Vorne schauen. Mir überlegen, was ich doch noch kann und was das für meinen Beruf bedeutet. Ich bin noch mehr hängengeblieben. So wütend bin ich heute darüber. So funktioniert es einfach nicht! Das ist, da bin ich sicher, für die meisten von uns die falsche Reihenfolge, den 3. Schritt vor dem 1. gesetzt.

Ich bin diesen Weg gegangen. Er hat mich nach einem intensiven Prozess im ersten Schritt 2019 zur SEHHELDIN geführt. Der Prozess geht weiter, täglich. Es ist ein Lebensweg, der dich verändert. Mich hat er verändert. Ich fühle mich heute stabiler und zufriedener als jemals zuvor, trotz oder gerade wegen „allem“.

Das kannst du für dich tun:
Finde für dich heraus: Wer bist du, du als Mensch? Wer bist du ohne deinen Beruf? Was macht dich aus? Wofür lieben Menschen dich?


Mehr inspirierende Gedanken und Ideen, die du konkret für dich umsetzen kannst? Abonniere meinen Newsletter

Zum Inhalt springen