Update Januar 2026: Dieser Artikel ist einer meiner meistkommentierten und hat schon so viele wertvolle Kommentare bekommen. Ich habe ihn jetzt überarbeitet: Klarer, fokussierter, aber mit derselben Botschaft im Herzen. Die Kommentare unten beziehen sich teilweise auf die ursprüngliche Version. Sie bleiben natürlich alle stehen, denn sie sind wertvoll!


Dieser Text ist kein medizinischer Ratgeber. Ich schreibe ihn aus meiner eigenen Lebenserfahrung heraus. Weil hohe Myopie mehr ist als eine Brille oder trockene Dioptriezahlen. Und ich das selbst viel zu lange nicht wusste.

So viele Jahre lebte ich in einer absoluten Informationswüste. Mein Aufruf: Wenn du selbst hochgradig kurzsichtig bist, nimm dich ernst! Es geht um so viel mehr als „Brille auf und weiter“!

Hohe Myopie: Das solltest du wissen

  • Hochgradige Kurzsichtigkeit oder Hohe Myopie beginnt bei minus sechs Dioptrie
  • Ab – 6 Dioptrie ist ein erhöhtes Risiko auf zum Beispiel Netzhauterkrankungen, Netzhautablösungen oder Star.
  • Die Länge des Augapfels spielt dabei eine entscheidende Rolle.
  • Weltweite Studien belegen einen Anstieg von Kurzsichtigkeit unter Anderem aufgrund hohen Bildschirmgebrauchs.
  • Besonders bei Kindern kann Myopie Management helfen, die Progression zu verlangsamen.


Der Moment, in dem ich aufwachte

Es ist erst einige Jahre her. Die Folgeerscheinungen meiner pathologischen Myopie bestimmen jetzt so deutlich mein Leben, dass ich nichts mehr kleinreden oder wegwischen kann. Über-meine-Grenzen -Gehen, mein unbewusstes Grundmuster schon immer, reicht nicht mehr. Jetzt habe ich so deutlich „was mit den Augen“, das mein bisheriges Leben nicht mehr möglich ist.

Ich möchte endlich richtig verstehen, was da schon mein ganzes Leben Teil von mir ist. Ich möchte nicht mehr einfach nur die sein irgendwie mit schlechten Augen, als ob die beinah nichts mit mir zu tun haben.

Verrückt, oder? Ich, die sonst alles, wirklich alles googelt, weiß damals herzlich wenig über meine Augenerkrankung. Wie kann das nur sein?


Die Anfänge: „Nicht so schlecht jedenfalls“

Ich frage meine Mutter: Sag mal, wie viel Dioptrie hatte ich denn damals als ich meine erste Brille bekam so mit ungefähr zwei Jahren? Damals, als ich nicht laufen lernte und eine Tante die Idee hat, dass ich vielleicht Angst habe, aufzustehen, weil ich nicht so gut sehe. „Das weiß ich gar nicht mehr so genau,“ sagt sie, „es ist ja schon so lange her. (Das stimmt allerdings). Ich glaube so minus 6 Dioptrie, vielleicht auch minus 8 Dioptrie. Nicht so schlecht jedenfalls.“

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Sie hat ja recht: Im Vergleich zu meinen späteren minus 23 Dioptrie muten minus 6 Dioptrie geradezu läppisch an. Aber genau das ist das Problem. Niemand hatte meine Eltern darüber aufgeklärt, was es bedeutet, wenn ein Kleinstkind schon derart schlechte Augen hat. Niemand hat mit ihnen darüber gesprochen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit von weiterer Verschlechterung und Folgeschäden ist.


Nicht aus Böswilligkeit. Sie hatten damals noch keine Ahnung. Wir waren im Vorinternetzeitalter. Ich bin Jahrgang 1965.

Was ich nicht wusste (und du vielleicht auch nicht weißt)

Auch später, als junge Erwachsene, wusste ich nicht wirklich viel. Es drehte sich um Dioptriezahlen. Der größte Schmerz war die dicke Brille, in der ich mich so hässlich fand.

Dass dies wirklich eine Augenerkrankung ist? Das war mir nicht klar.

Ich habe halt schlechte Augen, eine enorm hohe Dioptriezahl. Das war doof, das hat mir unterschwellig viel Angst gemacht, das hat mein Leben als junge Frau sehr beeinflusst. Aber alles eher unterschwellig. Denn mit Brille und später Kontaktlinsen hatte ich jahrzehntelang einen recht hohen Visus von 1 oder 0,9.

Kein Problem, oder? (Ironie off)

Später sagten Ärzte zuweilen etwas wie: „Es kann sein, dass Ihre Netzhaut noch schlechter wird.“ Noch später: „Passen Sie auf, ob Sie Blitze sehen oder Russregen, dann müssen Sie SOFORT in die Klinik.“

In meiner Erinnerung waren das oft eher vage, eher nachgestellte Sätze. Es drang nicht wirklich zu mir durch, wie wahrscheinlich es ist, dass ich mit minus 23 Dioptrie Augen sehbehindert werde.

Eher hörte ich sachliche Aussagen: „Wieder -2 Dioptrie Verschlechterung.“ „Ihre Netzhaut sieht noch ziemlich gut aus für die Dioptriezahl.“

Meine Interpretation der Nachsätze war immer: Wenn ich großes Pech habe, dann passiert etwas mit der Netzhaut. Es kann passieren, so wie so vieles im Leben passieren kann. Das hing mir irgendwie im Unterbewusstsein, aber mehr als verschwommene Sorge war es nicht.

Kaum Wissen zu hochgradiger Kurzsichtigkeit

Dies war in den 60ern. Wir wussten nichts. Kein Arzt hatte meine Eltern darüber aufgeklärt, was es bedeutet, wenn ein Kleinstkind schon derart schlechte Augen hat. Niemand hat mit ihnen darüber gesprochen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit von weiterer Verschlechterung und Folgeschäden ist. Nicht aus Böswilligkeit, sie hatten damals noch keine Ahnung.

Auch später als junge Erwachsene wusste ich nicht wirklich viel. Es drehte sich um Dioptriezahlen. Der grösste Schmerz war die dicke Brille, in der ich mich so hässlich fand. Was ich da eigentlich habe und dass dies wirklich eine Augenerkrankung ist; das war mir nicht klar. Wir waren ahnungslos, damals im Vorinternetzeitalter. Ich habe halt schlechte Augen, eine enorm hohe Dioptriezahl. Das war doof, das hat mir unterschwellig viel Angst gemacht, das hat mein Leben als junge Frau sehr beeinflusst. Aber alles eher unterschwellig. Denn mit Brille und später Kontaktlinsen hatte ich jahrzehntelange einen recht hohen Visus von 1 oder 0.9. Kein Problem, oder? (Ironie off)

Später sagen Ärzte zuweilen etwas wie: „Es kann sein, dass Ihre Netzhaut noch schlechter wird.“ Noch später: „Passen Sie auf, ob Sie Blitze sehen oder Russregen, dann müssen Sie SOFORT in die Klinik.“

In meiner Erinnerung, die mich natürlich täuschen kann, waren das oft eher vage, eher nachgestellte Sätze. Es drang nicht wirklich zu mir durch, wie wahrscheinlich es ist, dass ich mit minus 23 Dioptrie Augen sehbehindert werde.

Eher hörte ich sachliche Aussagen: „Wieder – 2 Dioptrie Verschlechterung“. „Ihre Netzhaut sieht noch ziemlich gut aus für die Dioptriezahl.“

Meine Interpretation der Nachsätze war immer: Wenn ich großes Pech habe, dann passiert etwas mit der Netzhaut. Es kann passieren, so wie so Vieles im Leben passieren kann. Das hing mir irgendwie im Unterbewusstsein, aber mehr als verschwommene Sorge.

Kleiner Einschub: Selbstbild mit sechs Jahren: Anne mit Brille 💕

Foto von Anne Niesen mit Brille, Alter 6 Jahre, ca. acht Dioptrie (Hohe Myopie)

Was bei mir ankam (und was nicht)

In meiner Erinnerung wurde vieles nicht angesprochen oder wirklich besprochen. Dafür kann es viele Gründe geben, für die ich auch Verständnis habe.

Entscheidend ist für mich: Als Betroffene machte das einen Unterschied! Es hatte großen Einfluss auf mein Leben und mein Selbstbild.

  • Augenärzte haben alles rund um hochgradige Kurzsichtigkeit nicht so kommuniziert, dass ich es wirklich gehört und verstanden habe; dass ich es im Gesamtbild einordnen konnte. (Wie sieht ein Auge aus? Was passiert bei Kurzsichtigkeit? etc)
  • Wenn sie etwas kommuniziert haben, dann oft auf eine Manier, dass ich es so schnell wie möglich wieder verbannt habe aus meinem Bewusstsein
  • Oft waren eben nur die trockenen Fakten der Augenuntersuchung: Für Fachleute absolut deutlich, für mich nur Zahlen
  • Lange Zeit war mein Fokus darauf, wie „hässlich“ die Brille wieder aussehen würde. Jedes Dioptrie mehr habe ich dann mehr gehört als „noch hässlicher“ als in Bezug auf medizinische Relevanz
  • Ich war nicht sehbehindert. Ich hatte einfach nur eine dicke Brille. Das heißt, es spielte keine Rolle. Niemand kümmerte sich darum. Nicht in der Schule, nicht im Sportunterricht, nirgends. Keine Gespräche, was helfen könnte, was anders ist. Nichts

Du bist nicht allein

Was ich weiß: Viele Menschen mit hoher Myopie, die ich bisher gesprochen habe, berichten das Gleiche oder sehr Ähnliches. Ob mit minus 12 oder mit mit minus 23 Dioptrie.

„Ich hatte keine Ahnung, wie gefährlich es ist.“

„Nie hat mir jemand gesagt, welche Folgeschäden auf mich warten können.“

„Ach, das ist eine Augenerkrankung? Das wusste ich gar nicht. Ich dachte, ich brauche einfach nur eine Brille oder Linsen und gut ist. Sorgen habe ich mir natürlich immer gemacht und habe gelitten, wenn es wieder eine Dioptrie mehr war. Aber ernstgenommen hat mich eigentlich nie jemand wirklich. Ich mich auch nicht.“

Heute: Was ich mir wünsche

Für dich. Für uns alle mit hoher Myopie. Für die Kinder, denen das vielleicht erspart bleiben kann.

Fragen, die du dir stellen solltest:

  • Wusstest du, dass Kurzsichtigkeit schon ab -6 Dioptrie als Augenerkrankung eingestuft wird?
  • Gehst du mindestens einmal pro Jahr zum Augenarzt und lässt deinen Augenhintergrund regelmäßig untersuchen?
  • Checkst du, ob deine Fachleute wirklich Ahnung haben vom Thema?
  • Weißt du, wie wichtig die Länge deines Augapfels für eine Diagnose ist?
  • Und sprichst du auch über deine Gefühle, deine Sorgen, deine Fragen?

Regelmäßige Kontrollen sind wichtig, denn starke Kurzsichtigkeit erhöht das Risiko für Netzhautablösung und andere Folgeerkrankungen deutlich.

An die Eltern kurzsichtiger Kinder:

  • Habt ihr schon jemals von Myopie Management gehört?
  • Wisst ihr über Atropintropfen oder Speziallinsen und – Brillen Bescheid? Wurde das Für und Wider genau mit euch besprochen?
  • Werdet ihr durchverwiesen an Spezialisten?

Heute gibt es Möglichkeiten wie Atropintropfen, Orthokeratologie-Linsen oder spezielle Brillengläser, um die Progression bei Kindern zu verlangsamen.

Hohe Myopie ist für viele Fachleute noch immer ein zu wenig bekanntes Feld. Eine völlig unterschätzte Augenkrankung. Es geht hauptsächlich darum: Wie viel Visus ist mit Sehhilfe zu erreichen? Ich will dazu beitragen, dass sich das verändert.

Anne Niesen | SEHHELDIN

SEHHELDIN Sonne

Mein Aufruf an dich

Wir können einen Unterschied machen! Je mehr wir berichten, je mehr wir nachfragen, je mehr wir Informationen suchen und fordern, je mehr wird diese Informationswüste blühen. Davon bin ich überzeugt.

Nimm dich ernst. Deine Augen sind nicht „einfach nur eine Brille“. Deine Geschichte zählt. Deine Sorgen sind berechtigt. Dein Leben mit hoher Myopie verdient Aufmerksamkeit! Von Ärzten, von deinem Umfeld, vor allem aber von dir selbst.

Bis bald, herzliche Grüße, eure Anne aka SEHHELDIN


Du möchtest für dich eine Oase statt einer Wüste? Gesehen und verstanden werden?

Dann komme in meine geschlossene Facebookgruppe: Heimat für Hochmyope (und Eltern). Ich moderiere mit viel Klarheit und Empathie. Alle sind willkommen! Ohne Urteil: Wenn du dich zugehörig fühlst, bist du willkommen. Egal, wie du siehst, welche Fragen du dir stellst oder womit du dich alleine fühlst. Willkommen!



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