Liebe Eltern, dieser Artikel ist für euch! Liebe Übungsleiterinnen, dieser Artikel ist für euch! Liebe Sportlehrer*innen, dieser Artikel ist für euch! Liebe Kinder und Jugendliche mit starker Kurzsichtigkeit, dieser Artikel ist vor allem für euch: Damit ihr euch gesehen fühlt.

Hochgradige Kurzsichtigkeit bei Kindern und Jugendlichen im Sport ist ein Thema, das dringend Aufmerksamkeit braucht. Mein Sport war Schwimmen. Es ist aber egal, welche Sportart du nimmst: Es geht um Sichtbarkeit! Darum, einfach ein Teil der Gruppe zu sein. Das Beste geben zu können. Um Selbstwert.

Ich war dieses Kind, später dieser Teenager: Schon früh mit dicker Brille, dann mit vermutlich mit rund minus 14 Dioptrien im Schwimmverein. Nicht behindert und doch so vieles nicht sehend. Nicht die Bewegungen des Trainers. Nicht wirklich das Wasser vom Startblock aus. Nicht meine eigene Stärke.

Von Kindern zu Teenagern verschärft sich das Problem: Was als Kind noch Unsicherheit ist und dochc irgendwie ganz normal, wird in der Pubertät zu Scham. Zu Identität.

Diese Geschichte ist mein Aufruf: An alle Erwachsenen, die mit kurzsichtigen Kindern und Jugendlichen arbeiten. Und an alle jungen Menschen mit starker Kurzsichtigkeit: Ihr seid nicht allein. Ihr seid mutig. Ihr verdient es, gesehen zu werden. Ihr verdient, Gespräche, Mitdenken und coole Lösungen. Vom ersten Schwimmkurs bis zum Abitur-Sport.

Ich will schwimmen!

Ich bin 11 Jahre alt. Ich will schwimmen, nicht im Badesee, sondern so richtig, im Schwimmverein. Im Wasser fühle ich mich wohl, das ist mein Element.
Vermutlich habe ich damals um die – 14 Dioptrien. (Wir haben keine Aufzeichnungen, es können also auch mehr sein.)

Kinderfotos beweisen es: Anne im Badesee mit Brille auf und mit einer dieser unglaublichen Bademützen aus den 70ern, so mit Plastikblümchen und Noppen. Ich führe stolz (und prustend) meine Brustschwimmkenntnisse vor, ich bin die Schwimmerin der Familie. Das ist ausgemachte Sache. Ich schwimme mit Kopf und Brille über dem Wasser, so habe ich dies gelernt.

Anne im Badesee als Kind, Kopf über Wasser, Brille auf.
Anne im Badesee als Kind, Kopf über Wasser, Brille auf.

Warum hochgradig kurzsichtige Jugendliche im Sport unter ihren Möglichkeiten bleiben

Erzähle ich hier eine Erfolgsgeschichte? Nein, nicht wirklich.
Hätte es eine werden können? Ja, ganz sicher!
Mit mehr Wissen auf allen Seiten, mehr Flexibilität in der Didaktik und mehr Verständnis. Da bin ich mir sicher, 100%.
(Erzähle ich eine Geschichte von Durchhalten, von Aushalten, von Durchkämpfen? Ja. Absolut.)

Was hat gefehlt zur Erfolgsgeschichte? Eine Spurensuche

Nur ein bisschen kurzsichtig? Nein!

Dioptriesimulator
Für die, die es sich nicht vorstellen können: Der Dioptriesimulator gibt eine Ahnung vom Sehen mit – 9,75 (höher ist er nicht einstellbar) und Astigmatismus.

Haben wir jemals vor meinem Eintritt in den Schwimmverein darüber nachgedacht, dass dann die Ära „Kopf-über-Wasser“ und auch die Ära Schwimmen-mit-Brille vorbei ist? Nein, ich denke nicht. Es gab keine vorbereitenden Gespräche mit Schwimmlehrern, keine Überlegungen, wie das praktisch aussehen kann. Nichts.

Unfassbar für mich aus heutiger Sicht. Völlig normal damals für uns.

Es ist einfach kein Thema. Das Kind hat eine Brille. Keine Krankheit, keine Behinderung, einfach eine Brille. Das Kind will schwimmen, prima. Meine Brille ist Normalzustand. (Dieser Artikel beschreibt den Informationsnotstand zu hochgradiger Kurzsichtigkeit)

Pubertät: Suche nach Identität

Ein wenig später, so mit 12-13, bist du auf der Suche nach deiner Identität. Du bist unsicher, nicht mehr Kind und noch lange nicht erwachsen. Es ist ungeheuer wichtig, dazuzugehören und von anderen im gleichen Alter anerkannt zu sein.

Ein Verein ist nicht einfach der Platz, an dem du Schwimmen lernst, er ist so viel mehr. Verein ist auch Gruppe, Dazugehören, sich beweisen, sich selbst kennenlernen.

Natürlich kann ich mich nicht mehr genau erinnern, was ich damals fühlte, es ist lange her. Ich habe kein Tagebuch geschrieben. Trotzdem haben sich einige Bilder tief eingegraben. Es ist egal, wie wahrheitsgetreu, denn die Psyche geht ihre eigenen Wege.

Donnerstagabend im Schwimmverein

Das Schwimmbad wird einmal in der Woche vollständig vom Schwimmverein belegt. Kinder und Jugendliche aller Altersklassen wuseln durcheinander. Wir sind nach Alter und Können in Gruppen aufgeteilt, eine Bahn gehört einer Gruppe.

Hürde 1: Vorbereitung

Alle lassen ihre Brille im Schrank, ich muss sie aufbehalten, um mich im Schwimmbad zurecht zu finden. Uncool und peinlich. Die Scham, gerade als Jugendliche, die erinnere ich noch gut.

Unpraktisch ist es auch. Es fängt schon beim Duschen an: Wohin mit der Brille? Es gibt keine Ablage. Alles muss schnell gehen, es ist ja kein Freibadausflug. Ich stopfe die Brille in meine Tasche während des Duschens. Dann wieder aufsetzen. Aus den Haaren tropft Wasser. Die Wassertropfen auf der Brille lassen den langen Weg zu „meiner“ Bahn noch länger erscheinen, denn richtig sehen kann ich ihn nicht. Ich hoffe, dass noch ein Mädchen langsamer läuft, dann fällt es nicht so auf.

Hürde 2: Learning-by-Seeing

Wir versammeln uns am Beckenrand. Der Schwimmlehrer macht etwas mit den Armen vor. Ich will mich nicht nach vorne drängeln, um besser zu sehen. Meist meckert dann jemand, weil ich so groß bin. Noch mehr auffallen? Nein, ganz bestimmt nicht. Dann sehe ich eben das, was ich sehe.

Ab und zu wische ich mit den Fingern über meine Brille, um so klar wie möglich gucken zu können. Dann die Brille absetzen und irgendwo verstauen. Auch das ist normal und gleichzeitig peinlich.

Ich bin die einzige, keine Jugendliche trägt Brille im Schwimmbad, ich kann mich jedenfalls an keine erinnern.

Hürde 3: Startblock

Es geht zum Startblock. Chlorbrille auf, damit sehe ich über Wasser noch weniger als ohne.

Info: Chlorbrillen mit Sehstärke
Heute gibt es Schwimmbrillen mit Sehstärke. Allerdings nur bis – 8,0 Dioptrien, wenn ich richtig gegoogelt habe.

Ich bin im Sport kein draufgängerisches Kind. Vielleicht bin ich auch einfach nur ein äußerst normales Kind. Ich bin groß, früh gewachsen. Wenn ich auf dem Startblock stehe mit meiner Chlorbrille sehe ich verschwommen Wasser unter mir, geradeaus sehe ich mehr oder weniger nichts, verschwommene Gestalten, das Schwimmbad eine undeutliche Masse.

Das ist doch egal, denkst du? Vielleicht, wenn du jemand bist, der sich mal einfach so ins Nichts stürzt. So ein Kind bin ich nicht. Ich bin keine Kinderpsychologin, aber ich vermute, so ein Kind sind die meisten nicht.

Es stimmt: Nicht jedes Kind traut sich diesen Kopfsprung ins Wasser. In meiner Gruppe und im ganzen Schwimmbad trauen sich alle. Ich nicht, unvorstellbar mich kopfüber ins Nichts fallen zu lassen.

Also eben nicht vom Startblock springen, sondern als Einzige vom Rand ins Wasser plumpsen und dann losschwimmen.  
Als einzige! In einem Alter, in dem ich dazugehören möchte, mich beweisen möchte. Zu einem Zeitpunkt, an dem ich richtig gut schwimmen lernen möchte. Plumpsen, vom Rand aus. Kein guter Start.

Hürde 4: Methodik

Der Schwimmlehrer läuft am Rand mit. Er ruft und zeigt etwas mit seinen Armen an. Ich sehe über Wasser genau – nichts. Oder jedenfalls nicht genug, um damit etwas anfangen zu können. Ich tue das, was ich mir so zusammenreime. Das bin ich ja gewohnt, das mache ich täglich.

Hürde 5: Fehlender Fortschritt

Ich habe Lust, ich will lernen – und hänge doch hinter den anderen hintenan. Sie gehen zur nächsthöheren Gruppe, ich bleibe. Weil ich meine Technik nicht wirklich verbessere und weil ich sowieso keine Wettkämpfe schwimmen könnte ohne Startsprung.

Nicht behindert und unsichtbar: Warum ’normal‘ nicht egal ist

Vor gar nicht langem ist mir bewusst geworden: Noch heute zucke ich zusammen, wenn jemand sagt, dass ich gut schwimme. Ja, ich schwimme gut im Vergleich mit Leuten, die nie schwimmen. Ja, ich schwimme gut, im Vergleich mit der Frau neben mir, die eher paddelt. Nein, ich schwimme nicht gut für eine, die jahrelang im Schwimmverein war. Geblieben ist ein Gefühl von Versagen. Mein Selbstwert angekratzt, das eigene Selbstbild in Schieflage.

Nicht sehbehindert, also alles gut?

Ich kenne es nicht anders. Meine Brille und ich, wir sind ja eine Einheit seitdem ich 2 Jahre alt bin. Dies alles ist meine und unsere Normalität. Niemand hat mich gezwungen in den Schwimmverein zu gehen, ich wollte das gerne. Meine Eltern wollten keinen Schwimmstar aus mir machen. Ich habe nicht bewusst gelitten. Also alles gut?

Nein und nochmals nein!

Seht die Kinder! Sieh dich!

Solange wir erst dann beginnen nach- und umzudenken, wenn ein Kind offiziell behindert ist, werden so viele Kinder Freude verlieren an dem, was sie lieben. So lange werden so viele fröhliche, selbstbewusste Kinder immer mehr an sich zweifeln, immer mehr sich als eine*r fühlen, die oder der nicht dazugehört.

So lange wir in Kästchen von behindert oder nicht-behindert denken macht sich niemand Gedanken. Es finden keine Gespräche statt. Keine Didaktik wird angepasst. Nichts wird unternommen, damit ein Kind, das Lust auf Sport hat, diese Lust behalten kann. Nichts wird verändert, um dem Kind oder der Jugendlichen zu signalisieren: Du bist gut! Du machst das klasse! Du gehörst dazu!

Anne Niesen | SEHHELDIN

Wenn die Brille sichtbar ist, aber der Kampf unsichtbar bleibt

Natürlich bin ich mir bewusst, dass die Welt komplex und eine Verkettung von Umständen ist. Der Schwimmverein war ein Punkt unter vielen mit Einfluss auf mein Selbstbild und meine Persönlichkeitsentwicklung.

Mir ist bewusst, dass ich hier aus subjektivem Erleben argumentiere und nicht auf Grundlage einer jahrzehntelangen Forschungsarbeit – denn die gibt es nicht.

Und doch bin ich sicher: Ich bin nicht die Einzige. So oder so ähnlich erging es vielen.

Ich bin ausserdem sicher: Die meisten erwachsenen Hochmyopen stellen keine Verknüpfung her zwischen diesen sogenannten Normalitäten eines hochmyopen Kindes und ihrem Selbstbild oder ihrem Können. Sie denken: Es ist so. So bin ich eben. Ich höre die vielen Erzählungen in meiner Facebookgruppe für Hochmyope und mein Herz blutet. Sieh dich! will ich immerzu rufen. Stell Zusammenhänge her! Bitte, bitte unternimm etwas, damit deine Kinderseele heilen kann. Für dich. Für deine Zukunft.

An die junge Anne – und an alle, die sich wiedererkennen

Tief in meine Seele gräbt sich damals ein:

  • Ich bin unsportlich.
  • Die anderen sind besser.
  • Ich bin anders, ich gehöre nicht dazu.
  • Ich bin sichtbar mit meiner Brille und unsichtbar in meinem Mut, meiner Kämpfernatur, meiner Stärke.

Erst als mich die Folgeschäden meiner pathologischen Myopie völlig aus dem gewohnten Leben geworfen haben, begann ich zu forschen nach Zusammenhängen. Nach dem, was sich als Kind in mir eingegraben hat und mir so lange im Weg stand.
Es war ein langer innerer Weg der Heilung für mich, der sich so sehr gelohnt hat: Wenn ich heute an diese starke, tapfere junge Anne denke, fühle ich Stolz. Dieser Stolz verlieht mir Stärke und Selbstvertrauen. Auch wenn du wie ich schon viel älter bist: Es lohnt sich. Wenn du noch jung bist: Es lohnt sich, dir Wege zu suchen, wie du Freude haben kannst an dem, was dir Freude macht.

Mein Aufruf: Seht Kinder und Jugendliche mit hochgradiger Kurzsichtigkeit im Sport!

Natürlich ohne sie zu stigmatisieren oder sich noch mehr „anders“ fühlen zu lassen!

An die Eltern: Sprecht mit den Trainern, bevor euer Kind anfängt mit Sport. Sprecht mit euren Jugendlichen, hört ihnen zu, fragt sie. (Und damit meine ich nicht helikoptern und überbehüten, sondern ernstnehmen!). Helft ihnen, wenn sie das möchten, in Gesprächen mit Sportvereinen und Lehrenden.

Hochgradige Kurzsichtigkeit ist mehr als eine Brille. Es braucht unauffällige, kreative, selbstverständliche pädagogische Lösungen und echte Gespräche. Je früher ihr anfangt, desto freudvoller ist euer Kind dabei, desto mehr Freude an Sport kann es finden, desto besser ist das eigene Selbstwertgefühl.

An die Sportlehrer*innen und Übungsleiter*innen: Wie vermittelt ihr Kindern und Jugendlichen mit starker Kurzsichtigkeit Freude am Sport? Welches didaktische Repertoire habt ihr? Klar, ein achtjähriger hat andere Fragen als eine fünfzehnjärige, Teamsport ist etwas Anderes als Einzelsport. Das ist ja gerade das Spannende!Die Probleme sind bei einer 8-Jährigen anders als bei einem 15-Jährigen, aber sie sind immer da. (Hier findet ihr 7 Didaktikideen für den Schwimmunterricht)

An die Kinder mit starker Kurzsichtigkeit: Ihr seid nicht tollpatschig. Ihr seid nicht langsam. Ihr lernt anders – und das ist okay. Sprecht mit euren Eltern, wenn Sport schwierig ist.

An die Teenager mit hochgradiger Kurzsichtigkeit: Ihr seid nicht unsportlich. Ihr seid nicht zu empfindlich. Ihr kämpft gegen unsichtbare Hürden – und das macht euch stark. Sehr stark. Die Scham gehört nicht euch. Sie gehört einem System, das euch nicht sieht.

An die erwachsenen Hochmyopen: Nehmt das Kind, den Teenager in euch in den Arm. Macht Zusammenhänge sichtbar zwischen damals und heute. Für eure Heilung. Für eure Zukunft.

Meine Fragen an dich:

Wie hoch ist das Bewusstsein für mögliche Zusammenhänge bei euch, liebe Eltern?
Liebe Übungsleiter*innen und Sportlehrer*innen, welches didaktische Repertoire habt ihr? Wie vermittelt ihr uns hochgradig Kurzsichtigen Freude an Sport?

Liebe Mit-Hochmyopen: Erkennst du dich wieder? Wie sind deine Erfahrungen?

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