Der Blogpost zum Sehheld*in-Manifest

Podcast: Lebst du schon als Sehheld*in?: 3 Beispiele

Ich war lange keine Sehheldin. Ich hatte einfach schlechte Augen. Jahrzehntelang war ich „Anne, die ziemlich kurzsichtig ist“. 2017 bin ich dann in die nächste Stufe übergewechselt: „Anne, die langsam Angst bekommt, sehbehindert zu werden“ und „Anne, die nun wirklich ihren Alltag an ihre Augen anpassen muss.“
Sehheldin bin ich erst seit 2018.

„Seitdem ich mich entschlossen habe, Sehheldin zu sein, bin ich im Reinen mit mir. Ich fühle eine Stärke und Zuversicht, die ich früher so nicht kannte. Ich weiß: Egal, was noch kommen wird, ich werde meinen ganz eigenen Weg finden. Lebendig, neugierig und zuversichtlich.“

SEHHELDIN, Über-Mich-Seite

„Liebe Anne, was ist denn nun der Unterschied? Was machst du denn anders als vorher?“. Diese Frage stellt mir Sabine vor einiger Zeit.

Als Antwort auf diese berechtigte Frage ist mein Manifest für Sehheld*innen entstanden. Als eine Art Leitlinie für ein Leben mit schlechten Augen, in dem wir „anders sehen und stark leben“. Leitlinien sind nicht konkret, sondern sie geben einen Rahmen vor: Es geht um dein Leben. Du füllst aus, wie es für dich passt.

„Ok“, höre ich dich sagen, „das verstehe ich, aber das finde ich jetzt wenig greifbar. Jetzt mal Butter bei die Fische, liebe Anne.“

Textzug Butter bei die Fische (auf Butterdose)

Hier kommt sie nun, die Butter anhand 3 Punkten aus dem Manifest.

Der Unterschied zwischen einer Person mit „schlechten Augen“ und Sehheld*innen: 3 konkrete Beispiele

1. Wissen macht frei oder Sehheld*innen sind selbst-bewusst Handelnde

Jahrzehntelang habe ich einfach geglaubt. Ich habe mir meine Fachmenschen (Optikerinnen, Augenärzt*innen) nach Bauchgefühl ausgesucht: Habe ich das Gefühl, dass er/sie kompetent ist? Fühle ich mich gesehen und gehört? Sehr viel Gefühl, wenig Wissen.

Ich wusste fast nichts über meine Augen: Was ist Myopie eigentlich genau? (irgendwas mit Minus vor einer Zahl und irgendwie längerem Augapfel..oder so). Wie sieht so ein Auge, also auch mein Auge, eigentlich aus? Wie hängt alles zusammen? Was ist Stand der Möglichkeiten?

Ich, die alles, ja wirklich alles, googelt: Hier war ich naiv und unwissend. (Es gibt dafür natürlich auch Gründe)

Ich habe mich verhalten wie ein Kind, das sich vertrauensvoll in die Hände von Erwachsenen begibt.
Grundvertrauen ist mir nach wie vor wichtig. Sympathie auch. Wenn ich mich nicht gehört und gut betreut fühle, wechsele ich. Wie so oft im Leben geht es nicht um ein entweder – oder, sondern um ein sowohl – als auch.

Deine Entscheidung: Willst du Kind sein oder erwachsen?

Seitdem ich mehr über meine Augenerkrankung weiß, verstehe ich Zusammenhänge sehr viel besser: Warum ich oft so müde bin zum Beispiel, wie Augen und Gehirn zusammenhängen oder warum der Visus so wenig über mein Sehen aussagt.

Seitdem ich selbst mehr weiß, kann ich andere Fragen stellen. Ich habe mehr Möglichkeiten, um herauszufinden, ob dieser Fachmensch auch für mich der beste Fachmensch ist. Ich frage nach Erklärungen und verstehe sie gut genug, um Entscheidungen für mich treffen zu können.

Seitdem ich meine Augen und meine Augenerkrankung besser verstehe, bin ich kraftvoller und selbst-bewusster. Ich handele erwachsen und auf Augenhöhe.

Du hast keine Kontrolle darüber, wie sich deine Augen verändern. Du hast in der Hand, hier genauso erwachsen zu handeln, wie in anderen Bereichen deines Lebens auch. Du kannst selbst-bewusst Handelnde sein. Das gibt dir ein Gefühl von innerer Freiheit und Unabhängigkeit. „Anders sehen, stark leben“.

Wie schätzt du dich ein: Lebst du hier schon als Sehheld*in? (Nicht – ein wenig – meist – immer?)

2. „Wir haben den Mut, unsere Gefühle zu sehen und sie ernst zu nehmen“

Schlecht sehen macht etwas mit dir. Schließlich begleitet es dich in jeder Sekunde deines Lebens. Deine Sicht langsam zu verlieren, das macht erst recht was mit dir.

Und doch erlebe ich so viele starke, reflektierte Menschen, die gerade hier einen blinden Fleck haben. „Ach geht doch.“, „Ist doch nicht der Rede wert, anderen geht es noch viel schlechter.“

Wenn du deine Sorgen und Ängste kleinredest, redest du dich klein.

Anne Niesen, die SEHHELDIN

Wie gut verstehe ich das: Früher habe ich Gefühle eher weggedrückt. Unbewusst, ich kannte es nicht anders. Dumpf hingen sie manchmal im Magen, in schlaflosen Nächten drehten sich Fragen wie: „Wie komme ich morgen durch den langen Arbeitstag?“

Habe ich Schlaflosigkeit damit verbunden, dass ich mir Sorgen machte und Angst hatte wegen meiner schlechten Augen? Sehr selten. Habe ich gesehen, wie sehr ich mich oft mit einer Riesenportion Mut und Kraft durch mein Leben kämpfte? Eher nicht, das war mein Leben, so tat ich das. Normal, oder?

Ich war regelmäßig mild depressiv, in den letzten Jahren auch zu oft mutlos. Ich dachte: So bin ich eben. (Was mich nach wie vor aufregt: Auch Therpeutinnen sahen keinen Zusammenhang, aber das ist ein anderes Thema)

Nein, so bin ich nicht! Seitdem ich bewusst den Entschluss gefasst habe, als Sehheldin zu leben, höre ich auf Körpersignale. Bei mir hängen Sorgen und Angst im Magen, immer. Außerdem ist mein ganzer Körper dann in einer Art Verspannung, die die Ängste „unten“ hält und schön abdeckelt.

Unsere Sorgen und Ängste haben einen Grund: Schlecht sehen ist nichts für Feiglinge. Das darf Angst und Sorgen machen.

Sobald ich heute merke, dass mein Magen Signale gibt überlege ich: Was sitzt mir im Magen? Was kann ich tun? In welcher Form und wann will ich mir meine Ängste bewusst machen?

Ich bin überzeugt. Für alles, was unterschwellig festsitzt und gärt, bezahlen wir einen hohen Preis. Ich habe lange in den Währungen Stärke und Lebenslust bezahlt – fast immer ohne eine Verbindung zu meinen schlechten Augen zu ziehen. Fast immer ohne eine Verbindung zu meiner Art Doppelleben zu ziehen, in dem fast niemand wusste, dass ich hochgradig kurzsichtig bin.

Die Zeiten sind vorbei. Seitdem ich den Mut habe, meine Gefühle ernst zu nehmen, meine Ängste und Sorgen, bin ich ein neuer Mensch. Weil ich handele, weil ich mich ernst nehme. Es ist ok, nein, es ist gesund, sich Sorgen zu machen und Angst zu haben. Zeige mir mal die Person, die gelassen sehbehindert wird oder gelassen bleibt, wenn sie Angst hat, ihre Stelle zu verlieren.

Wenn du deine Gefühle ernst nimmst, stehst du auch offen für pragmatische Lösungen.

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3. „Wir suchen pragmatisch nach Lösungen.“

Angst verhindert Lösungen. Solange du Angst hast, was deine Kolleg*innen von dir denken oder dass du deine Arbeit verlieren könntest, verhandelst du keine konstruktiven Lösungen für deinen Arbeitsplatz.
Solange du merkst, dass du noch zusammenzuckst, wenn du einen Menschen mit Blindengeleithund siehst, weil er oder sie dich an alle deine Ängste erinnert, wirst du dich nicht konstruktiv und offen mit Hilfsmitteln auseinandersetzen.

Seitdem ich meine Gefühle ernst nehme, meine Ängste nicht mehr permanent kleinrede, suche ich aktiv nach Lösungen. Ich stehe jetzt dafür offen und will mir mein Leben so leicht wie möglich machen: Jetzt setze ich die Sonnenbrille im Theater auf und es ist mir völlig egal, ob die Umsitzenden sich dabei was denken könnten. Hauptsache, ich kann den Abend genießen ohne schmerzende Augen.

Selbst-bewusst handeln macht stark. Vielleicht nehmen dir deine Augen Teile deiner äußeren Freiheit. Wie wunderbar ist es dann, wenn du dich innerlich stark und frei fühlst. Wie anders kannst du dann auftreten und dein Leben gestalten.

Wie schätzt du dich ein: Lebst du hier schon als Sehheld*in? (Nicht – ein wenig – meist – immer?)

Das hört sich gut an für dich? Dann starte gleich mit deinem nächsten Schritt!

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