Dein Leben und du, ihr passt gerade nicht mehr zusammen. Eine unerwartete Kündigung, eine Krankheit, eine Trennung? Was es auch ist: Im Moment ist nur deutlich, was nicht mehr ist, aber noch absolut nicht, wie es weitergehen kann.

Was hinzu kommt: Bei einer Kündigung geht es nicht nur um deinen Beruf, bei der Trennung nicht nur um deine Partnerschaft und bei einer Krankheit nicht nur um deinen Körper. Es geht jeweils um so viel mehr! Deine Beziehungen, dein Blick aufs Leben, deine Idee von deiner Zukunft, deine Identität. Das "eine Ding" ist immer, wirklich immer, so viel mehr als das, so viel umfassender.

Ein massiver Einschnitt also gekoppelt an so viele Fragen und auch Ängste.

Warum du sofort wieder Zukunftspläne machst

Du hast gelernt, dich "nicht hängenzulassen." "Stillstand ist keine Option", flüstert dir die Stimme im Kopf zu - vermutlich schreit sie eher, als dass sie flüstert. Sie treibt dich an, zu planen und zu tun. Es muss ja schliesslich weitergehen.

Und dazu noch deine Umgebung: Machst du schon Pläne für deine neue Zukunft? fragen dich die Menschen schon nach sehr kurzer Zeit.

Dein Herz sinkt, das schlechte Gewissen bleischwer verankert im Körper. Du schläfst schlecht oder sehr viel. Ich müsste, denkst du. So geht das wirklich nicht, sei mal nicht so faul, ruft diese Stimme in dir wieder, gnadenlos.

Du raffst dich auf und entwirfst Ideen und Pläne, wie es weitergehen kann mit dir und deinem Leben. Mit "Smarten" Zielen wie aus dem Lehrbuch, denn planen hast du gelernt. Das fühlt sich gut an. Zufrieden gehst du ins Bett. Am nächsten Tag machst du dich gleich dran an die nächsten praktischen Schritte. Hey, geht doch, denkst du, Haken dran. Hoffnung im Herzen. Gutes Gefühl.

Aber irgendwann bleibst du hängen. Du setzt um, aber es passiert nicht wirklich was. Oder du setzt irgendwann nicht weiter um und dein schickes Visionboard verkommt zur Tapete. Du fühlst dich schlechter als vorher. Jetzt fühlst du dich so richtig nutzlos. Ich bekomme auch nichts auf die Reihe, denkst du. Deine Umgebung, das stille Echo deiner Selbstvorwürfe. Im Herzen Verzweiflung.

Nachts kreist es im Kopf, tagsüber kreist es weiter. Schluss jetzt, denkst du, ich suche mir jetzt einen Coach. Dann bin ich nicht alleine und kaufe mir Sachverstand ein. Das hat mir ja schon oft geholfen. Ein geschulter Blick von Außen. Neue, konkrete Ziele, konkrete Schritte und passende Strategien. Gedacht, getan. Im Herzen: Neue Hoffnung.

Deine Umgebung atmet erleichtert auf. Endlich. Deine altbekannte innere Stimme sagt: Gut machst du das. Immer nach Vorne schauen. Nicht hängen lassen. Das wird schon! Du bist müde? Tja, hilft ja nichts, Augen zu und durch. Es geht um deine Zukunft!

Eine Weile geht das gut mit dem neuen Schwung und den schönen Plänen, die sich so gut anfühlen und dann kommt das Tal: Du bleibst stecken, schon wieder. Im Herzen: Verzweiflung.

Dein Leben fühlt sich immer mehr an wie "Zurück auf Los". Du fühlst dich als ob deine Füsse im Morast feststeckten. Gute, hoffnungsvolle Anfänge und dann...Füsse im Morast. Gedankenkreisel, Nebelbänke im Gehirn und im Herzen.

Ach was, schlimmer: Jetzt machst du dir richtig Vorwürfe. Du hast viel Geld ausgegeben, Menschen in deiner Umgebung in Anspruch genommen, als Ventil oder als praktische Hilfe. Es geht dir nicht gut, gar nicht gut. Was ist nur mit mir los? Wo ist meine berühmte Lösungskompetenz geblieben? fragst du dich. Warum funktioniert das nicht?

Der Moment, in dem du endlich durchatmen darfst

Ich hoffe, dass du in einem dieser Momente meinen Text hier findest. Ich hoffe, dass du dann merkst: Hey, ich bin gar nicht unfähig oder faul. Das, was ich hier erlebe ist ganz normal, es folgt sogar einer inneren Logik.

Mehr noch: Dass du verstehst: Ich habe versucht, den zweiten und den dritten Schritt vor dem ersten zu machen und bin dabei über mich selbst gestolpert. Was für eine Erleichterung. Denn wenn du gleich alles gelesen hast, weißt du, warum es nicht funktionieren konnte. Und was du jetzt stattdessen tun kannst.

Hier ist ein guter Zeitpunkt, um dir ein Modell vorzustellen:

William Bridges, Transition Model: Vom Abschied zum Neubeginn

Ein Grund, warum ich es es vielen anderen Veränderungsmodellen vorziehe: Bridges spricht nicht von Change oder Veränderung, obwohl er seine Ideen zu einer Zeit entwickelt hat, in der alles in Unternehmen "Changemanagement" war. Er spricht von "transition", im Deutschen sperrig mit Transition übersetzt, also "Übergang".

Das Wort macht deutlich: Jede Veränderung ist ein Prozess, in dem wir uns von einem Seins-Zustand in einen anderen bewegen. Eine innere Reise, die an eine äußere gekoppelt ist und umgekehrt. Etwas hat sich verändert. Das ist Fakt. Und der Ausgangspunkt und nicht das Ergebnis.

Sein Phasenmodell ist nicht statisch und macht doch eines sehr deutlich: Alle Stationen sind elementarer Bestandteil, wenn wir vom Ausgangspunkt (Veränderung) zu einem echten Neustart kommen wollen.

Seine drei Phasen sind:

  1. Endings: Das bedeutet: Ganz bewusst Abschied vom Alten nehmen. Wütend sein, traurig sein, über das, was zurückbleiben muss, danke sagen dafür, dass es uns bis hierher gedient hat. Schauen, was uns auch in der neuen Realität noch weiter begleiten darf. Gefühle und Fakten. Alles. Das gesamte Paket unseres Menschseins.

    Meine Erfahrung: Natürlich aus uns selbst tun wir das nicht. Es braucht eine bewusste Entscheidung. Ohne echten Abschied humpeln wir angeschlagen, mit Wut und Trauer im Herzen ins nächste Kapitel unseres Lebens. Hört sich nicht nach einem guten Neubeginn an, oder?
  2. Neutral Zone, also neutrale Zone. Die ist gar nicht so neutral, denn da passiert sehr viel. Was sie ist: Eine Zeit des Nicht-Wissen-Könnens. Eine Zeit, in der sich innerlich ganz viel sortiert. Eine Zeit, in der die Seele mitreist. Ein Raum zum Atmen, damit wieder etwas Neues entstehen kann. Und in der sich auch im Außen Vieles schon neu ausrichtet, ohne schon klar zu werden. Ich nenne sie oft die "Nebelzone", weil da unser zukünftiges Ich noch im Nebel liegt.
    Das ist die spannensde Phase: Denn sie darf in unserer heutigen Zeit eigentlich nicht sein. Keinen Plan haben, kein Ziel, vermeintlich Nichts tun? Wenn du jetzt spontanen einen Anti-Reflex hast, dann ist genau hier dein Übungsfeld.
    Es ist wahr: Diese Phase ist nicht so einfach auszuhalten, denn sie fragt uns zu lernen, mit dem Nicht-Wissen umzugehen. (Eine Kompetenz, die wir heutzutage eigentlich immer gut gebrauchen können, oder?)
    Auch wahr ist: Es ist eine so reiche Phase, wenn wir sie bewusst angehen: Voller Entdeckungen, eine Zeit, in der wir ganz viel neue Pflänzchen setzen und in der sich neue Möglichkeiten auftun.
    Ein beängstigender Raum und gleichzeitig ein Raum voller neuer Möglichkeiten.
  3. New Beginnings: Erst jetzt kommt die Zeit für eine echten Neustart. Mit den "actionpoints", die du bisher zu früh gemacht hast: Stärken, deine Talente, Visionen und machbaren Schritten. Der Unterscheid zu früher: Jetzt hast du Grund unter deinen Füssen und Zuversicht im Herzen. Und das inneren Wissen mit an Bord, das du aufgebaut hast in den ersten Phasen: Vielleicht weißt du noch nicht genau wie, aber du weißt: Ich werde Lösungen für mich finden. Deine Seele ist jetzt in der neuen Realität angekommen.

Klar, das ist ein Modell und wie jedes Modell: Die Art deines Lebenseinschnitts macht einen Unterschied. Deine ganz persönliche Lebenssituation macht einen Unterschied. Eine unerwartete Kündigung, die nicht an deinem Selbstwert nagt, in einer stabilien finanziellen Situation und mit guten Aussichten ist natürlich eine völlig andere Geschichte als wenn sie dir den Boden unter den Füssen wegzieht und alle Säulen zum Einstürzen bringt.

Und weil das Leben das Leben ist: Wie oft verändert sich auf dem Weg noch etwas unerwartet und du startest dann (bewusst!) in Teilen wieder mit Abschied und Durchlaufen der Neutralen Zone.

Wenn ich dich in deinem Prozess begleite, finde ich durch gezielte Fragen und sehr gutes Zuhören heraus: Wo stehst du gerade? Wieviel Aufmerksamkeit braucht was? Denn nur dann ist deutlich, was dich gerade nach Vorne bringt.

Ohne einen guten Abschied (endings) geht es nicht und ohne die Neutrale oder Nebelzone geht es erst recht nicht. Wenn du gleich bei "New beginnings" loslegst, bleibst du hängen irgendwo zwischen altem Leben und neuer Zukunft.

Mir hilft es SEHR - in Großbuchstaben! - zu wissen: Das ist normal. Es ist sogar ausgesprochen klug, wenn ich diese Schritte ganz bewusst gehe.

Einfach nur abwarten und nichts tun?

"Ok", sagte eine Kundin mit einem gehetzen Ton in ihrer Stimme. "Jetzt habe ich verstanden, wie ich richtig Abschied nehme. Das macht Sinn und hat mir auch richtig was gebracht. Aber diese Nebelzone: Soll ich dann einfach nur abwarten? Kann ich denn gar nichts tun?"

Klar kannst du ewas tun. Einfach nur abwarten ist wirklich keine Lösung, im Gegenteil. Dann dümpelst du oder fährst auf Untiefen auf. Und das ist unglaublich frustrierend! Es fühlt sich an, wie durch den ewigen Morast gehen, ohne Aussicht auf etwas, was zu dir passt, was neu ist, was funkelt und sich nach dir anfühlt. Ohne auch nur die Idee einer neuen Heimat, die du im Blick haben kannst.

Einfach Abwarten und nichts tun führt zu Depressionen und dem Gefühl: Ich packs einfach nicht. Ich bin eine Verliererin. Das ist also kein Ausweg, im Gegenteil.

Wie jetzt? Planen soll ich nicht und abwarten auch nicht? Was denn dann? denkst du vielleicht.

Aktiv sein und Aktivismus sind zwei völlig verschiedene Dinge!

Ich gehe mal davon aus, dass du ein Mensch bist, der von sich erwartet, etwas zu tun, zu planen, das Leben in deine Hände zu nehmen. Vielleicht heißt das bei dir sogar "pro-aktiv" sein (einer meiner persönlichen Unworte). Das ist positiv besetzt, deine Umgebung erwartet das auch von dir, mal offener, mal unterschwelliger. Und natürlich gibt es auch praktische Faktoren, die Druck machen. Finanzen zum Beispiel. Das scheint daher "the way to go". Der innere Druck ist hoch.

Was dein Leben dir jetzt als Aufgabe stellt: Anhalten, Durchatmen und wirklich fühlen, was jetzt wirklich dran ist. Und danach handeln.

Übrigens: Das mit dem Durchatmen meine ich tatsächlich auch konkret. Denn vermutlich tust du das gerade nicht, sondern atmest flach und nicht in den Bauch. (Das kannst du ja kurz mal checken. Tust du?) Ein Überlebensmechanismus in Krisenzeiten: Dann fühlst du nicht mehr, dann funktionierst du. Irgendwie. Auf Autopilot und kraftlos.

Und dann passiert, was in Stresssituationen automatisch passiert: Du tust, was du kannst und gelernt hast. Und wenn das Projektplanung ist oder ein bestimmtes Vorgehen, dann machst du das. Das Problem ist nur:

Dein Autopilot gehört zu deinem alten Ich, deinem alten System und das spukt Ideen und Lösungen aus, die nicht mehr passen in deiner so neuen Lebenssituation. Und im Überlebensmechanismus gibt es nur innere Enge und keine Weite, keine kreativen Ideen und ganz sicher keinen Mut. Und Mut, den brauchst du jetzt, Tonnen davon.

Und was du jetzt auch brauchst, wirklich brauchst, und vermutlich noch nie gelernt hast: Mitgefühl für dich selbst. Mitgefühl statt Selbstvorwürfe. Denn du bist in einer sehr schweren Lebenssituation,die du dir so nie ausgesucht hättest, die schwer zu tragen ist und dir ganz viel abverlangt. Hier hilft keine Peitsche, sondern eine liebevolle Umarmung für dich selbst.

Es hilft wirklich zu verstehen: Deine Seele reist gerade noch hinterher. Dein ganzes System muss noch begreifen, dass jetzt alles anders ist. Und was konkret jetzt genau anders ist.

Was du jetzt tun kannst

  • Dir Gegenüber suchen. Gerade Abschied und die Reise durch die Zwischenphase sind alleine nicht sinnvoll möglich. Du brauchst, und ja, das ist erwiesen, Zeugen für deine Geschichte. Zeugen für deine Kraft und für dein Leid. (ja, Leid, nein, das ist kein zu großes Wort).

    Sollten es Fachleute sein? Das hilft natürlich. Weil sie wissen wie und auch einschätzen können, was jetzt hilft.
    Wenn du dir das noch nicht vorstellen kannst: Suche dir Menschen, die gut zuhören. Kluge Fragen stellen. Die nicht urteilen und ganz sicher keine Ratschläge geben.

    Probiere es nicht alleine. Alleine tut dir nicht gut. Alleine ist mühsam. Alleine ist schmerzhaft und unendlich einsam. Alleine verstärkt das Gefühl von Nebel und lässt dich weiter mühsam durch den Morast waten und auf deine blinden Flecken starren.
  • Neues lernen: Jeder Umbruch fragt neue Fähigkeiten von dir. Innere und ganz praktische. Du reist in eine neue Kultur, ein bisher unbekanntes Land. Identifiziere: Was möchtest du für dich neu lernen und entwickeln? Warum? Und werde konkret und lerne.
  • Strecke deine Fühler aus: Was tut dir gut? Was lässt dich funkeln? Womit fühlst du dich stark? Egal, wie klein. Sammele Ideen, Momente, Gefühle.

Meine Überzeugungen

In diesen Phasen ist ein rein zielorientiertes (Business-) Coaching nicht sinnvoll. Viele Ansätze fangen bei dem vermeintlichen "Jetzt" an und gehen sofort in Richtung Zukunft. Dann landest du im Morast, immer. Zielorientiert ist wichtig und unterscheidet Coachingansätze von Therapie. Es braucht aber eine oft andere Definition von "Ziel" und von den Schritten, die dorthin führen.

Bei krassen Lebenseinschnitten hilft es, wenn jemand breit und tief denkt und ausgebildet ist. Als Coach bin ich keine Therapeutin und habe aber sehr viele Methoden und Ansätze, die auch therapeutische Wirkung haben. Dieser innere Prozesse hat so viel mit Gefühlen zu tun, mit alten Ideen über dich selbst, mit deiner Identität. Und manchmal braucht es dann wieder sehr klare, pragmatische Coachingansätze.


Und wovon ich noch überzeugt bin: Es ist wichtig, dass Menschen, die dich jetzt begleiten, selbst schon krasse Lebenseinschnitte erlebt haben und auch Neustarts. Sonst verstehen sie die Dimension der Brüche nicht. Es ist wichtig, dass sie merken, wann du aus einem Überlebensmodus heraus agierst und die wissen, was jetzt wirklich hilft, um in die nächste Phase zu kommen.

Dieser Weg braucht Mut, weil er anders ist, als das, was deine innere Erwartung dir eingibt. Du brauchst den Mut, deinen Ängsten ins Auge zu schauen. Du brauchst Mut, anzuhalten, wenn du unter großem inneren Druck stehst, Lösungen zu finden.

Was auch wahr ist: Nur so geht es. Deshalb ist der erste Schritt, der vor allen anderen kommt, wie fast immer der eine: Deine Entscheidung, es doch anders zu machen. Und aus mutigen Entscheidungen und mutigen Schritten entsteht Zuversicht und aus Zuversicht entstehen neue, sinnvolle Schritte, deine, die passen.

Und was noch entsteht, auch wenn das nicht dein Ziel ist: Innere Freiheit. Erleichterung. Freude am eigenen Tun. Auch wenns nicht leicht ist. Vielleicht gerade, weil es nicht leicht ist.


Ich begleite seit Jahren Menschen, die sich nach Einschnitten neu erfinden. Bei mir gibt es einen klaren Blick, konkrete Schritte und die Fragen, die dich wirklich weiterbewegen, gerade dann, wenn dir das selbst nicht möglich ist. Sei mutig und melde dich für ein unverbindliches Gespräch: hallo@sehheldin.eu