Im eigenen Zuhause durchlebt. In der Praxis erprobt.

Unten höre ich Türen klappern, über mir Schritte. Ich sitze hier entspannt und schreibe. Eine Mitbewohnerin ruft „Doei", die andere kurz darauf „morning". Vermutlich sind das die einzigen Worte, die wir heute wechseln werden. Ab und zu kommt eine kurze organisatorische App.


Wenn du einfach nur auf einen Kaffee kommst, wirst du keinen Unterschied merken - alles scheint wie vor einem Jahr. Wie unglücklich war ich da oft! An der Oberfläche alles gleich - und doch ist alles anders.

Was sich verändert hat? Mein Ausgangspunkt. Und damit alles.

Mein anfänglicher Fehler? Ich hatte geplant, als ob ich einfach einen neuen Schritt setzte in meinem Leben. Dabei ging es hier um einen radikalen Neustart nach einschneidenden, unfreiwilligen Veränderungen. Nicht um eine entspannte Neuorientierung und noch weniger nur eine Planung, die umgesetzt werden musste.

Ich vergass den einen ersten Schritt, den, der so oft vergessen wird. Der aber essentiell ist und absolute Basis dafür, dass ein echter Neustart wirklich gelingen kann. Ohne ihn drehst du dich im Kreis. Oder läufst gegen Wände, ohne zu verstehen warum.

Strukturiert, strategisch und doch nicht passend

Ende 2022 stand er an, mein Umzug in das Haus, in dem ich zwei Zimmer vermiete, um mir einen Teil meines Lebensunterhaltes zu sichern.

2020 war alles auf einmal ins Wanken geraten oder eingestürzt: Meine fortschreitende Augenerkrankung sorgte für einen finanziellen Einbruch, meine berufliche Identität musste ich hinter mir lassen, ach was, große Teile meiner Ideen über mein Leben und meine Zukunft. Noch relativ neu in den Niederlanden. Die private Situation auch verändert. Ich fühle mich heimatlos und entwurzelt.

Ohne zu viel Privates zu erzählen: Ich darf nun hier in diesem Haus wohnen und zwei Zimmer darin vermieten. Dafür bin ich unendlich dankbar. Hätte ich mir das so vom Universum gewünscht? Sicher nicht.

Vor meinem Umzug war für mich eines ganz klar: Ich will die Notlösung zu meinem Zuhause machen. Ich habe Visionboards gebastelt und ganze Seiten vollgeschrieben: Was für eine Atmosphäre ich mir vorstelle, wen ich gerne dabei hätte und wie wir hier zusammen wohnen. Ich habe mir ausgemalt, welche Vorteile das auch hätte für mich und wie ich mit den gefühlten Nachteilen umgehen möchte.

Daraus leitete ich dann meine Stellschrauben ab und ging an die Umsetzung.

Heute weiß ich: Ich bin einem Umsetzungs-Autopiloten gefolgt, der relevante Faktoren völlig ausser acht ließ.

Ich habe mir unbewusst nicht die Wahrheit gesagt

Unbewusst hatte ich mir selbst in die Tasche gelogen. Bei mir ging es nicht um eine entspannte Neuorientierung, sondern um einen Neustart, nach lebensverändernden Ereignissen, die Einfluss hatten auf wirklich alles.

Die Folge? Ich hatte wesentliche, zentrale Punkte nicht mitgedacht; relevante Faktoren nicht zueinander in Beziehung gesetzt und verknüpft. Oder noch anders: Ich hatte meine ganz realistische, konkrete Lebenssituation nur unzulänglich mitgedacht.

Gerade bei einschneidenden, ungewünschten Neuanfängen, braucht es lange, bis die Veränderung wirklich bei uns angekommen ist. Es ist uns noch gar nicht so deutlich, dass unsere gesamte Identität betroffen ist, unsere gut bekannte, liebgewonnene, vertraute. Dass es nicht nur um diese eine Säule geht, nicht nur um Wohnen oder eine berufliche Umorientierung, sondern um unser gesamtes Leben.

Wir planen dann im alten Betriebssystem für eine neue Zukunft. In einer Lebenssituation, in der wir von der Komplexität aller Fragen erschlagen werden. Und das führt zu Ergebnissen, die richtig gut aussehen, es aber nicht sind.

Meine blinden Flecken

Ich hatte zum Beispiel nicht mitgedacht: Dass meine Seheinschränkung viel Energie kostet, sehr viel sogar. Nicht mehr viel geht spontan, alles, was mit offenen Augen geschieht, hat einen Einfluss auf meinen Energiehaushalt. Und dazu gehört dann zum Beispiel auch ein gemeinsames Abendessen. Das heißt, alles, was gemeinsam zu Hause geschieht, ist ein Minuspunkt im Energiemanagement.

Ich hatte mir auch nicht konkret genug vor Augen geführt, dass ich als Vermieterin im Haus automatisch eine andere Rolle habe, anders wahrgenommen werde. Das ist ein bisschen wie eine, die vorher Teammitglied war und jetzt Führungskraft ist. Dass wir zentralen Räume teilen, macht uns nicht zur Wohngruppe und mich nicht zu einer normalen Mitbewohnerin.

Nur zwei Faktoren aus einer langen Liste, die meine anfängliche Idee vom Zusammenwohnen sofort reif für den Papierkorb machen. Nicht ausreichend bewusst und vor Allem nicht verknüpft. Das musste zu Enttäuschungen führen!

In den ersten Jahren habe ich oft gelitten unter dem, was nicht war. Unter dem, was nie entstand, egal, was ich versuchte.

Was alles veränderte:

Der neue Ausgangspunkt: Eine Karte

Am unglücklichsten Punkt habe ich mich daran erinnert, was ich heute einer Kundin in ähnlicher Situation empfehlen würde: Wir stellen gemeinsam eine Art Landkarte der gesamten Lebenssituation auf. Meine Rolle dabei ist es, systematisch zu fragen, alle Ecken auszuleuchten, die blinden Flecken sichtbar zu machen. Das geht nur mit echtem Verständnis für diese Situation, ohne das bleibt vieles verborgen.

Wenn alles dann so auf Papier steht, wird deutlich, wie alles zusammenhängt und was die Konsequenzen sind. Du siehst diese "Landkarte" und fühlst: Was hört sich gut an, aber passt für mich nicht? Was ist rational logisch, aber gibt mir einen Stressknoten im Magen?

Und ein wunderbarer zusätzlicher Effekt: Alles, was dich vorher ständig umgetrieben hat und nachts den Schlaf raubte, ist erfasst und quasi "raus aus dem System". Das erleichtert ungemein, auch dann, wenn das Problem noch nicht gelöst ist.

Und diese Erleichterung gibt Raum, anders und freier und neu zu denken.

Das ist mein Ansatz und ich habe ihn noch nirgendwo sonst gesehen.

Meine Fragen zum Start

Gedacht, getan. Mehrere Tage lang habe ich alle Gedanken und Gefühle notiert, oft eingesprochen während langer Spaziergänge.

Ich habe mir Fragen gestellt wie:

  • Welche äusseren Einflussfaktoren (wie die Gesetzeslage) gibt es konkret?
  • Was sind meine Gefühle, wirklich, ohne Schönfärberei? (Trauer über Verluste, Zukunftssorgen, Zweifel)
  • Was ist ganz konkret in Einzelheiten meine physische Situation und welchen Einfluss hat sie auf mein Leben zu Hause?
  • Wo bin ich flexibel und wo nicht? Einfluss auf Zusammenleben?
  • Was für ein Typ Mensch würde sich hier zu Hause fühlen?
  • Warum kommen sie wahrscheinlich?
  • Welche Wünsche und Ideen habe ich für ein Zuhause?
  • Konkrete finanzielle Situation ?
  • Was bedeutet für mich eigentlich Zuhause?

Eine Reise von der Vergangenheit zum neuen Ausgangspunkt

  • Als alles da so stand, war ziemlich schnell deutlich: Vieles, was ich mir so erträumt habe für ein gemeinsames Wohnen hatte nicht viel mit meinen Realitäten, meinem Leben, meiner Identität jetzt zu tun. Sie waren verankert in der "alten Anne". Das so klar zu erkennen, war im ersten Schritt nicht nur leicht, sondern oft auch konfrontierend.
  • Durch diesen Prozess, der das gesamte Leben ins Auge nimmt, kann die Seele auch in den neuen Realitäten landen. Nicht einfach, oft auch Trauerarbeit und gerade dadurch auch voller Selbst-Mitgefühl.

Es ist so viel mehr als "einfach mal planen" oder "mal eben ein Visionboard basteln". Es ist eine Reise von der Vergangenheit in die Gegenwart. Eine Reise zum neuen Startpunkt für eine realistische Idee für die Zukunft.

Neu ermöglicht: Perspektivwechsel

Wenn ich nicht normale Mitbewohnerin bin, welche positive Rolle kann ich spielen im Leben der Menschen, die kommen? Denn was ich gelernt hatte: Sie kommen auch, weil sie merken, dass ich durch meinen eigenen Lebensweg sehr viel Verständnis habe für interkulturelle Dynamiken und Sprachverwirrungen und stressige Neustarts im Ausland. Für körperliche Einflussfaktoren und für Zeiten, in denen kein Raum ist für neue Menschen.

Ich denke: Ich kann ihnen eine Art sicherer Heimathafen sein und dieser Gedanke macht mich glücklich, weil das so absolut mein Ding ist.

Ein anderer Perspektivwechsel: Ich führe mir sehr konkret vor Augen: Das ist nicht die Erfüllung eines langgehegten Lebenstraumes, sondern eine pragmatische Möglichkeit zu wohnen. Für die ich dankbar bin, sehr dankbar sogar. Und auch irgendwie meine Arbeit, weil die Vermietung mir mein Leben ermöglicht mit allen Aspekten von Arbeit.

Zum ersten Mal: Das ganze Bild

Was absolut neu war: Noch nie hatte ich das alles so systematisch ausgeleuchtet. Jetzt stand hier alles, schwarz auf weiß. Alle Faktoren, die Einfluss nehmen und haben. Ein Gesamtbild meiner Situation, mit Allem. Mit dem, was ich zurücklassen musste im alten Leben und dem, was mir im neuen Leben Basis gibt. Zusammenhänge und Konsequenzen wurden sicht- und fühlbar.

Alles da, alles gesehen, alles durchlebt, nichts fehlt. Ehrlich. Menschlich. Klar.

Was dieser erste Schritt erst möglich macht

Das erste Mal seit Monaten, ach was Jahren, fühlte ich mich leicht. Keine Knoten mehr, weder im Kopf noch im Magen. Stattdessen: Klarheit. Raum. Ganz viel Raum. Stellschrauben, die wirklich passten.

Und das Ganze: Sehr ich. Das war und ist das Beste. Sehr ich. Ein Gefühl von innerer Freiheit und Möglichkeiten.

Ich bin überzeugt:

Ein Neustart braucht diesen Prozess zu einer detaillierten, ehrlichen "Landkarte". Eine Neuorientierung hat davon nur kleine Ausschnitte nötig und kann mit Visionen beginnen und später justieren. Das ist der Unterschied.

Warum das in Umbruchphasen so häufig passiert und warum es völlig normal ist, habe ich in diesem Blogpost ausgelegt.

Was sich konkret veränderte

Ich gebe Grenzen anders an. Ich habe anders als vorher meine neue Mieterin ausgesucht. Ich habe mein eigenes Verhältnis zu meinen Mieterinnen / Mitbewohnerinnen gefunden, jenseits von Worten und Labeln. Ich stehe zu dem, was für mich wichtig ist. Und was befreiend ist: Dadurch, dass ich klarer bin, kann ich auch an mancher Stelle viel flexibler handeln.

Vor der systematischen Beschreibung aller relevanten Faktoren, hatte ich ein fast kitschiges Bild von gemeinsamen Abendessen und langen Gesprächen. Danach war deutlich: Das passt nicht und wird so hier nie realistisch sein. Diese Erwartung habe ich hinter mir gelassen und seitdem ist es gut. Wirklich gut.

Unten höre ich Türen klappern, über mir Schritte. Ich sitze hier entspannt und schreibe. Eine Mitbewohnerin ruft „Doei", die andere kurz darauf „morning". Ich bin zu Hause. Die beiden anderen auch.

PS: Du hast eine Seheinschränkung, die das Aufzeichnen unmöglich macht? Wir finden Lösungen!