(Überarbeitet im Juni 2026. Aus Überzeugung und mit ein paar Jahren mehr Erfahrung)

Dein Leben steht gerade Kopf. Und: Du bist müde. Unendlich müde. Du hast nur einen Wunsch: Dich zurückzuziehen. Du möchtest nur noch auf dem Sofa liegen und schlafen, einfach nur schlafen. Oder maximal eine Serie schauen.

Dieser Artikel ist für dich, wenn du

  • deswegen ein schlechtes Gewissen hast
  • dich fragst, warum du dermaßen müde bist
  • dich zwingst und diese Müdigkeit ignorierst
  • dir andere sagen, du sollst dich mal zusammennehmen und einfach tun
  • Therapeut*innen sagen, dass du depressiv bist (und du das nicht glaubst)

Ja klar bist du müde!

Dein Leben steht in Teilen oder vollständig auf dem Kopf. Vielleicht musst du in deiner Karriere kürzertreten. Vielleicht kannst du deinen Leidenschaften nicht mehr nachkommen oder schaffst es abends nicht mehr zum Fest deiner Freund*innen. Vielleicht kommen Menschen, die dir sehr nahe stehen, nicht klar mit dieser neuen Version von dir oder mit deinen Gefühlen. Vielleicht hast du keine Idee mehr, wer du jetzt sein willst und kannst und wie es weitergeht.

Du trauerst darum, dass das, was bisher so selbstverständlich zu deinem Leben gehört hat, nun verloren ist. Du trauerst um dein altes Leben. Du trauerst um deine Idee davon, wie es in deinem Leben weitergeht und um so einige deiner Ziele und Wünsche. Sicherheiten sind weggebrochen und die Zukunft ist ein Fragezeichen.

Wenn das dich nicht erschöpfen darf, was dann? Ja, Trauer macht müde. Sehr müde sogar.

Sei müde!

Wenn du richtig kontraproduktiv sein willst, dann kämpfe gegen deine Erschöpfung an.

Wenn du versuchst deiner Erschöpfung die Tür vor der Nase zuzuknallen, wirst du noch viel erschöpfter sein. Sie bleibt nicht draußen, sie klopft jetzt umso lauter an.

Heute merke ich genau: Brauche ich gerade viel Schlaf, weil innere Prozesse viel Energie fragen. Weil ich einfach gerade traurig bin. Oder geht es um etwas Anderes?

Meine konkrete Erfahrung: Wenn ich dann ohne schlechtes Gewissen geschlafen habe, so lange wie nötig, dann kam ich immer an einem Punkt an, an dem ich dachte: So, jetzt wieder raus und aktiv sein.

Glaube mir, ich kenne sie, diese Gedankenantreiber im Kopf: Das muss noch getan werden und jenes. Ein ganzes Leben will neu aufgebaut werden, da kannst du doch nicht hier rumhängen. Und dieses Chaos hier. Ganz viel "ich muss" und "es geht nicht anders", die dich abhalten zu tun, was gut für dich ist.

Stopp. Was mir geholfen hat:

  • Daran denken, dass "dagegen ankämpfen" mich nur erschöpfter macht.
  • Mich zu fragen: Was tue ich, wenn ich mit einer Grippe im Bett liege und wirklich nichts mehr kann außer schlafen? Wenn allen deutlich ist: Was auch auf der to-do-Liste steht, es muss warten. (Denn das Blöde ist ja, dass wir bei emotionaler Erschöpfung leicht das Gefühl haben, dass wir uns anstellen, noch mehr, wenn selbst Ärzte sie nicht ernst nehmen.)
  • Mir zu überlegen: Wie organisiere ich bei Krankheit mein Leben? Was hilft mir dann? Wer könnte mir helfen?

Aus der Coachingpraxis: Ein einziges Wort verändert alles

Ein kleines Wort hilft, dir selbst diese Ruhe zu gönnen, die dein ganzes System einfordert. Das kleine starke Wörtchen "momentan".

Drei Beispiele mit "momentan"

  • Ich bin momentan zu Recht erschöpft und nehme mir meine Ruhe. („nehme“ nicht brauche: Dann bist du aktiv.)
  • Ich schaffe es momentan nicht zu dieser Veranstaltung zu gehen.
  • Ich kann momentan nicht wie gewohnt arbeiten.

Öffnet sich für dich auch etwas durch dieses kleine Wort? Fühlst du auch, dass in dir eine befreiende Idee entsteht: „Momentan nicht, aber das wird schon wieder, wenn ich jetzt liebevoll mit mir umgehe.“?

Augen auf bei der Wahl von Fachleuten

Als ich 2018 oft so unglaublich müde war, dass ich kaum die Treppe hochkam, haben Hausärzte und Psychologinnen mir das Label "leichte Depression" verpasst oder "eine Art Burn-Out".

Das fühlte sich falsch an. Richtig falsch. Und auch alles, was danach folgte fühlte sich einfach nur falsch an.

Das begriff ich immer mehr

Es ist Fakt, dass nur sehr wenige sich wirklich mit dem Thema Trauer auskennen. Meine Erfahrung ist: Wenn deine Trauer sich anders zeigt, als erwartet, wenn sie nicht mit Tod zu tun hat, wenn du an der Oberfläche stark bist und gut im Leben stehst, dann ist das eine absolute Wüste.

Ich war so wütend auf all die, die mir ein Label aufklebten und gleichzeitig meine tiefe Erschöpfung kleinredeten, mir Tipps gaben wie "gehe Spazieren" (machte ich) und damit alles schlimmer machen.

Ein Ansatz fühlte sich stimmig an für meine Lebenssituation. Der richtig Sinn machte und mir sofort eine Last von den Schultern nahm, war die Idee von Living Loss von Manu Keirse.

Du lässt dich nicht hängen

Seitdem weiß ich: Meine Müdigkeit war nie das Problem. Das Problem war, dass niemand hinschaute, was sie wirklich bedeutet. Dass ich alleine damit war. Dass - die Ironie - ich noch müder wurde, weil zu den faktischen Verlusten noch kam, dass mir suggeriert wurde, dass ich "falsch" bin.

Du lässt dich nicht hängen, du bist nicht zu schwach, nicht zu kompliziert und schon gar nicht faul. Du trauerst. Du verarbeitest und gehst durch tiefe Prozesse. Auf deine Art, in deinem Tempo. Und das macht müde. Denn: Trauer macht müde!

Übrigens: Ich arbeite mit Menschen, die nicht mehr im ersten Schock sind eines Verlustes. Die schon wieder den Raum fühlen, nach Vorne zu schauen und gemeinsam zu arbeiten.


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Disclaimer: Es geh hier um Müdigkeit, die eine ganz normale Reaktion ist, wenn wir trauern. Es geht nicht zum Beispiel um eine klinische Depression.