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Podcast: Über ungefragte Ratschläge und wie mit ihnen umgehen

Dieser Artikel ist für alle. Ja wirklich. Ok, fast alle. Für alle, die auf ihre Ratschläge nicht die erhoffte freudige Reaktion empfangen. Für alle, die wissen, dass sie schnell mit einer Lösungsidee zur Hand sind. Für alle, die besser verstehen möchten, was sie tun können, für eine gelungene Kommunikation. Für alle, die sich über ungefragte Ratschläge ärgern (und die wissen möchten, wie sie reagieren können).

Teil 1 ist eigentlich Schritt 0, der Schritt vor den praktischen Lösungsideen. Die Basis. In Teil 2 kommen dann die Tipps, versprochen.

Brief an den Ungefragten Ratschlag

Sehr geehrter Ungefragter Ratschlag,

wie geht es Ihnen heute? Sind Sie bereit, meine Meinung zu Ihnen zu empfangen, auch wenn Sie Ihrerseits auch nicht danach gefragt haben?

Ganz direkt und ungeschönt: Sie helfen nicht.

Das ist schade, denn Sie möchten helfen, Ihre Absichten sind gut. Ihre Ideen sind es oft auch, ohne Frage. Aber leider fallen sie auf unfruchtbaren Grund oder hinterlassen – nichts. Im besten Fall. Häufig hinterlassen Sie auch Ärger oder Traurigkeit.

So ein Quatsch, sagen Sie. Es ist eine Idee, sagen Sie, du musst mit mir doch nichts machen. Take it or leave it. (Irgendwie fühle ich mich von Ihnen geduzt, nicht freundschaftlich, sondern so von oben herab)

Stimmt. Da haben Sie Recht, lieber ungefragter Ratschlag. Und doch, die harte Wahrheit ist: Ich wäre so viel glücklicher ohne Sie.

Sie meinen es in 99% der Fälle gut. Sie wollen helfen. Deswegen finde ich es so schade, dass Ihnen dies so selten gelingt. Möchten Sie besser verstehen warum Sie so oft das Gegenteil dessen auslösen, was Sie beabsichtigen? Dann lesen Sie gerne weiter.

2 Beispiele aus Ihrer Praxis

  1. Sie laufen mit Bettina im Dunkeln Richtung Parkplatz. „Meine Sicht ist schon wieder schlechter geworden, das fiel mir neulich noch leichter.“, sagt sie. Ihre Antwort: „Hast du schon mal daran gedacht, eine starke Taschenlampe mitzunehmen?“
  2. Lesen war immer Teil ihres Lebens. Das wissen Sie.  In Büchern versinken, das geht nur noch selten und eingeschränkt. Sie sagen: „Es gibt doch eingesprochene Bücher und Podcasts. Soll ich dir mal einen Link schicken?

Lieber ungefragter Ratschlag, mit welchen Reaktionen rechnen Sie? Freude? Tut mir leid, das ist relativ unwahrscheinlich.

3 Reaktionsmuster auf ungefragte Ratschläge

Die drei folgenden Reaktionen sind Ihnen vermutlich sehr viel vertrauter:

  1. Ärger: Was denkt der sich denn? Ich bin doch nicht blöd. Natürlich weiß ich das.
    Ok, davon bekommen Sie vielleicht nichts mit, denn je nach Persönlichkeit Ihrer Gesprächspartner lächeln sie weiterhin freundlich.
    Ärger kann sich nach außen sehr unterschiedlich äußern. a) gar nicht b) als Angriff auf Sie oder c) als patzige, trotzige Antwort.
  2. Verteidigung: „Ja, ja, klar, das mache ich ja“. „Ja, steht schon auf meiner Liste.“
    Denn: Wir wollen nicht als eine dastehen, die blöd ist oder unvernünftig handelt und versuchen dies geradezurücken. Durch mehr oder minder sinnvolle Erklärungen.
  3. Enttäuschung: „Ich möchte es einfach mal erzählen. Ich möchte, dass du das weißt. Nicht mehr und nicht weniger.“

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ihre Ideen sind nicht falsch, nur geht es in diesem Moment so gar nicht um praktische Lösungen.

Ja, warum geht es dann? fragst du mich jetzt hoffentlich. (Schau mal, ich duze dich jetzt auch. Ich will dich so gerne zum Freund haben und deine Frage macht mir Hoffnung, dass wir zueinander kommen)

Warum handelst du, ungefragter Ratschlag?

Du hoffst jetzt vermutlich auf schnelle Lösungstipps. Wir starten aber einen Schritt früher. Denn, eines ist sicher: Wenn du wirklich etwas verändern möchtest, dann ist es wichtig, dass du dich zunächst selbst verstehst:

Frage dich: Um was geht es dir? Warum fühlst du den Impuls, aktiv zu werden?

Geht es wirklich darum, Bettina zu unterstützen? Oder bist du hilflos, weißt nicht, wie du anders reagieren kannst? Odest du es einfach gut, dieses Gefühl, schnell eine Lösung parat zu haben? Was ist deine Motivation? Worum geht es dir WIRKLICH?

Die schlechte Nachricht ist leider, ich sage es gerade heraus, denn verpacken hilft nicht: Worum es dir auch gehen mag, du bist nur in einer Situation willkommen: Wenn jemand dich gebeten hat, in Erscheinung zu treten.

„Du bist doch so gut informiert, welche Taschenlampe kannst du empfehlen?“ „Hast du Ideen, wie ich damit umgehen kann?“

Dann, und nur dann, bist du gefragt.
(Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die bestätigen bekanntlich die Regel.)

Kannst du dir vorstellen, dich mit einer anderen Identität anzufreunden? Den Rat beizubehalten und „ungefragt“ hinter dir zu lassen? Dann können wir Freunde bleiben.

Wenn du magst, gebe ich dir gerne Tipps für deine Metamorphose. Darf ich? Ja, oh, wie schön, das freut mich.

So schnell streift man nicht einen Teil seiner geliebten Gewohnheiten ab, das braucht Zeit und Geduld. Das war ja jetzt auch ganz schön viel, um zu verdauen. Nimm dir die Zeit, die du brauchst.


Liebe Leser*in, ich glaube, wir können sie alle gut, diese ungefragten Ratschläge. Wir geben sie und erleiden sie. Sie sitzen in uns, sie sind Teil einer allgemeinen Gesprächsnorm. Im Beruf werden sie oft sogar erwartet und wir gelten dann als lösungsorientiert. (oft fälschlich, aber dies ist ein anderer Artikel). Wir müssen sie quasi „entlernen“.

„Gute Ratschläge geben“ fällt uns leicht. Sie nicht zu geben, das ist die Kunst“.

(Anne Niesen, Sehheldin)

Sehheld*innen handeln!

Liebe Sehheld*innen, ich glaube, ihr kennt sie gut, diese ungefragten Ratschläge. Ihr kennt sie, die Situationen, in denen ihr so gerne möchtet, dass jemand euch sieht oder hört, eure Gefühle, eure Angst. In denen ihr es aus welchen Gründen nicht schafft, dies so deutlich zu sagen. Ratschläge an falscher Stelle lassen uns alleine zurück mit unseren Gefühlen. Sie kappen das Band zwischen uns.

Tipp: So kannst du auf Ratschläge reagieren

  1. Erinnere dich daran: In der Regel möchten unsere Gesprächspartner*innen helfen. Sie wissen einfach gerade nicht, wie. Die Absicht ist positiv.
    Warum das hilft: Dein Gefühl verändert sich. Du kannst Ärger oder Enttäuschung hinter dir lassen, weil du verstehst: Es ist nicht gegen dich gerichtet.
  2. Wenn es passt und dir wichtig genug ist gerade, kannst du genau dies zum Ausdruck bringen: „Ich weiß, du möchtest mir helfen. Was mir aber wirklich helfen würde, wäre (zum Beispiel: dass ich es dir erzählen darf).“

Ich, ach was wir freuen uns über einen Kommentar von dir: Welche Erfahrungen hast du gemacht? Wie geht es dir, wenn du einen ungefragten Ratschlag erhälst? Was treibt dich an, wenn du ihn gibst?

Lies jetzt Teil 2, wenn du wissen willst, wie besser geht, mit dem Rat: 4 erprobte Tipps: So wirst du geliebt, lieber Rat.

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