Dein Leben und du, ihr passt gerade nicht mehr zusammen. Eine Kündigung, eine Krankheit, eine Trennung ? Was es auch ist: Im Moment ist nur klar, was nicht mehr ist, aber noch nicht, wie es weitergehen kann.
Vermutlich kannst du im Moment nur erahnen, was sich alles ändert durch diese eine zentrale Veränderung. Wie tief es dich trifft und wie groß die Auswirkungen auf alle Bereiche deines Lebens wirklich sind. Ich gehe sogar davon aus, dass dir jetzt noch gar nicht ganz klar ist, wie tiefgehend dies mit deiner eigenen Identität verbunden ist.
Warum du sofort wieder Zukunftspläne machst
Du hast gelernt, dich "nicht hängenzulassen." Stillstand ist keine Option", flüstert dir die Stimme im Kopf zu - vermutlich schreit sie eher, als dass sie flüstert. Sie treibt dich an, zu planen und zu tun. Es muss ja schliesslich weitergehen.
Machst du schon Pläne für deine neue Zukunft? fragen dich die Menschen schon nach wenigen Wochen.
Dein Herz sinkt, das schlechte Gewissen bleischwer verankert im Körper. Ich müsste, denkst du. So geht das wirklich nicht, sei mal nicht so faul, ruft diese Stimme wieder, gnadenlos.
Du raffst dich auf und entwirfst Ideen und Pläne, wie es weitergehen soll. Mit "Smarten" Zielen aus dem Lehrbuch. Zufrieden gehst du ins Bett und mit Hoffnung im Herzen. Schritt 1 und Schritt 2 bearbeitest du am nächsten Tag. Hey, geht doch, denkst du, Haken dran. (Was sind Smarte Ziele: Hier ein Link)
Aber irgendwann bleibst du hängen. Du setzt um, aber es passiert nicht wirklich was oder du setzt nichts um und dein schickes Visionboard verkommt zur Tapete. Du fühlst dich schlechter als vorher. Jetzt fühlst du dich so richtig nutzlos und klagst dich an, nichts auf die Reihe zu bekommen.
Nachts kreist es im Kopf, tagsüber kreist es weiter. Schluss jetzt, denkst du, ich suche mir jetzt einen Coach. Das ist die Lösung! denkst du erleichtert, dann bin ich nicht alleine und bekomme wirklich konkrete Hilfestellung und eine Richtung. Konkrete Ziele, konkrete Schritte, Strategien. Gedacht, getan.
Du bekommst neuen Mut, du fühlst dich weniger alleine und gehst erneut konkrete Schritte; das tut dir gut. Deine Umgebung atmet erleichtert auf. Endlich.Deine altbekannte innere Stimme sagt: Gut machst du das. Immer nach Vorne schauen. Nicht hängen lassen. Das wird schon! Du bist müde? Tja, hilft ja nichts, Augen zu und durch. Es geht um deine Zukunft!
Eine Weile geht das gut mit dem neuen Schwung und den schönen Plänen, die sich so gut anfühlen und dann kommt das Tal: Du bleibst stecken, schon wieder.
Dein Leben fühlt sich immer mehr an wie "Zurück auf Los". Du fühlst dich als ob deine Füsse im Morast feststecken. Gute, hoffnungsvolle Anfänge und dann...Füsse im Morast. Gedankenkreisel, Nebelbänke im Gehirn und im Herzen.
Ach was, schlimmer: Jetzt machst du dir richtig Vorwürfe. Viel Geld ausgegeben, Menschen in Anspruch genommen, die mit dir denken und sparren und planen. Es geht dir nicht gut, gar nicht gut. Du warst doch immer so stolz darauf, Lösungen zu finden.
Der Moment, in dem du endlich durchatmen darfst
Ich hoffe, dass du in einem dieser Momente meinen Text findest. Ich hoffe, dass du dich gesehen fühlst und durchatmen kannst. Dass du merkst, dass das, was sich falsch und faul anfühlt so unglaublich menschlich ist.
Mehr noch: Dass du verstehst: Ich habe versucht, den dritten Schritt vor dem ersten zu machen und bin dabei über mich selbst gestolpert. Das ist völlig normal, denn wem ist es schon jemals gelungen, das mit dem dritten Schritt vor dem ersten?
Denn gerade ist nur eines sicher: Du brauchst gerade inneren Raum. Atmen können. Anhalten. Begreifen. Luft holen und den Kopf frei bekommen.
Je unerwarteter, je tiefgreifender die Veränderung ist, desto mehr braucht dein ganzes System jetzt die Zeit um hinterherzukommen. Um zu landen in deiner neuen Realität.
Sieh, dass dein Körper und deine Gefühle dir zeigen: Mache jetzt langsam. Nimm dir die Zeit, die du brauchst, um wirklich zu verstehen, dass nichts mehr ist, wie es war. Dass es nie mehr so sein wird, wie gedacht. Deine Seele reist noch, dein Kopf wird sich darüber nicht hinwegsetzen können.
Höre nicht auf die alten, gnadenlossen Stimmen, lass dich nicht in das vermeintlich Sinnvolle pressen durch deine Umgebung. Alle meinen es gut mit dir, das ist wahr. Aber das heißt noch nicht, das sie es auch gut tun! Und noch weniger, dass es eine sinnvolle Vorgehensweise ist!
Ein Schritt nach dem Anderen, hier kann nichts übersprungen werden
Nimm dir die Zeit, um deine Vergangenheit, deine Träume, deine bisherigen Ideen über dich selbst und dein Leben zu würdigen - und dich mit Liebe von ihnen zu verabschieden.
Nimm dir die Zeit, um in dir etwas Neues entstehen zu lassen.
Diese Reise ist so individuell. Wie lange sie dauert für dich, das hängt von so vielen Faktoren ab. Lerne, dir zu vertrauen, dem Leben zu vertrauen in dieser Zeit des Nicht-Wissens.
Ein Modell kann helfen, zu verstehen und anzunehmen. Das ist alles natürlich leichter gesagt, als getan: Die äusseren Faktoren sind so dringend, die Sorgen greifbar, die Sehnsucht so groß.
William Bridges Transition Model: Warum die "Nebelzone" nicht übersprungen werden darf
Wenn du weiter forschen willst: Ein nicht sehr bekanntes, aber überschaubares und wie ich finde sehr zutreffendes Veränderungsmodel ist von William Bridges (Bridges Transition Model):
William Bridges teilt in verschiedene Phasen ein, als Modell und Idee, das etwas deutlich macht. Das klar macht: Erst braucht es einen Abschluss, dann kommt eine Phase des Nicht-Wissens und erst dann ist es an der Zeit für echte Neuanfänge.
- Endings: Bewusst Abschied vom Alten nehmen. Danke sagen, schauen, was zurückbleibe muss - und was weiter dabei ist.
- Neutral Zone, also neutrale Zone. Ich nenne sie oft die "Nebelzone" oder die "Zone des Nicht-Wissens".
- Erst dann kommt der Neubeginn (New Beginnings). Das ist der Schritt, den du zum Beispiel in einem Karrierecoaching angehen kannst, mit Planung und smarten Zielen und konkreten Schritten.
Klar, das ist ein Modell und wie jedes Modell: Es kann auch mal anders sein. Oder die Nebelbänke lichten sie einmal schneller und einmal langsamer. Oder du warst schon bei dem Neubeginn, wieder ändert sich was und schwupps, bist du wieder bei Schritt 1 Endings.
Was aber sicher ist: Ohne einen guten Abschied (endings) geht es nicht und ohne die Neutrale oder Nebelzone geht es auch nicht. Wenn du sie versuchst zu umschiffen, bleibst du hängen.
Mir hilft es SEHR - in Großbuchstaben! - zu wissen: Das ist normal. Es ist sogar ausgesprochen klug, sich dann nicht treiben zu lassen von Ängsten und Stimmen und Gewohnten, sondern in Ruhe zu schauen, was jetzt wirklich dran ist.
Bist du aktiv oder aktivistisch?
Du hast alles gut abgeschlossen und nach allen Regeln der Kunst Abschied genommen. Wunderbar, dann bist du schon so viel weiter als viele andere, das ist die Basis.
Und jetzt willst du so richtig durchstarten. Und landest stattdessen in dieser Zone des "Nicht-Wissen-Könnens". Schwer auszuhalten und so anders als alles, was dir logisch erscheint.
Sollst du hier jetzt einfach nur abwarten, bis diese Übergangsphase endlich vorbei ist? Nein! Denn dann endet sie vielleicht nie und du bleibst in einem ewigen Übergang hängen. Und das ist unglaublich frustrierend! Das fühlt sich an, wie durch den ewigen Morast gehen, ohne Aussicht auf etwas, was zu dir passt, was neu ist, was funkelt und sich nach dir anfühlt.
Einfach Abwarten und nichts tun führt zu Depressionen und dem Gefüh: Ich packs einfach nicht. Ich bin eine Verliererin. Das ist also kein Ausweg, im Gegenteil.
Wie jetzt? Planen soll ich nicht und abwarten auch nicht? Was denn dann? denkst du vielleicht.
Aktiv sein und Aktivismus sind zwei völlig verschiedene Dinge!
Ich gehe mal davon aus, dass du ein Mensch bist, der von sich erwartet, etwas zu tun, zú planen, das Leben in deine Hände zu nehmen. Vielleicht heißt das bei dir sogar "pro-aktiv" sein. Das ist positiv besetzt, deine Umgebung erwartet das auch von dir. Das scheint "the way to go". Der innere Druck ist hoch.
An der Stelle sage ich wieder: Durchatmen. Anhalten. Fühlen, was jetzt wirklich dran ist. Wie es dir geht, was du wirklich gerade brauchst, um nach Vorne schauen zu können.
Durchatmen heißt auch: Wirklich konkret Durchatmen. Denn vermutlich tust du das gerade nicht, sondern atmest flach. Ein Überlebensmechanismus in Krisenzeiten: Dann fühlst du nicht mehr, das ist eine Art Totstellen.
Leider verhindert genau dieser Überlebensmechanismus, dass du überhaupt verstehen kannst, was gerade dran ist, wirklich dran ist.
Sicher ist: Deine Handlungsmöglichkeit liegt jetzt nicht in konkreter Planung.
Was gerade dran ist und in deiner Macht liegt: Durchatmen, etwas fühlen. Und vielleicht zum ersten Mal Mitgefühl für dich selbst haben. Merken, was dir gerade gut tut und dich trägt.
Es ist jetzt auch die Zeit für eine konkrete Bestandsaufnahme: Das IST gerade meine Realität. In diesem Feld bewege ich mich.
Wenn du gut atmest merkst hast du auch wieder die Chance zu spüren: Wo funkelt schon wieder etwas? Wo sitzt gerade Energie? Ruft mich etwas? Nicht, "was muss ich jetzt tun und sein", sondern Was lässt mich funkeln?
Es hilft zu verstehen: Deine Seele reist gerade noch hinterher. Dein ganzes System muss noch begreifen, dass jetzt alles anders ist. Und was konkret jetzt genau anders ist.
Erwartungs- und Handlungsdruck machen eng. Sie blockieren den Weg zu innerer Zuversicht. Und die hast du gerade am meisten nötig! Die Zuversicht, dass es für dich ein gutes neues Leben geben kann. Dass du Lösungen finden wirst.
Der paradoxe Schritt ist jetzt genau deswegen: Handlungsdruck herausnehmen. Wieder frei atmen können. Dadurch entsteht der Raum, der neue Ideen möglich macht.
Was jetzt wirklich hilft
In diesen Lebensphasen brauchst du Gegenüber. Verbindung. Verständnis. Es geht nicht allein! Erwarte das also auch nicht von dir.
Alleine tut dir nicht gut. Alleine ist mühsam. Alleine ist schmerzhaft. Alleine verstärkt das Gefühl von Nebel und lässt dich weiter mühsam durch den Morast waten und auf deine blinden Flecken starren.
Meine eigene Erfahrung und Überzeugung: In diesen Phasen ist ein klassisches, lösungsorientiertes Coaching in Reinform nicht sinnvoll, weil hier meist weder im echten Sinne Abschied genommen wird, noch diese Phase des Nicht-Wissen-Könnens (Neutral Zone) empathisch und doch zielgerichtet begleitet wird. Ich kenne auch keinen Therapieansatz, der hier gut begleitet und dann auch noch den Neustart (New beginnings) konkret angeht.
Du brauchst jetzt Begleitung von Menschen, die im Herzen verstehen, dass deine Gefühle jetzt gerade eine gesunde Reaktion auf einschneidende Veränderungen sind. Die merken, wann du aus einem Überlebensmodus heraus agierst und die wissen, was jetzt wirklich hilft, um in die nächste Phase zu kommen. Die merken: Jetzt ist der Boden da, um wirklich einen Neustart zu planen. Jetzt ist der innere Raum da, der nötig ist, um frei denken zu können.
Das braucht Mut. Mut, weil du einen Weg gehst, der anders ist, als das, was deine innere Erwartung dir eingibt. Du brauchst den Mut, anzuhalten, wenn alles in dir ruft: Machen! Nach Vorne planen! Du brauchst den Mut, deinen Gefühlen und Ängsten ins Auge zu sehen.
Vielleicht hilft es dir zu verstehen: Nur so geht es. Durch Mut entsteht Zuversicht und aus Zuversicht entsteht Handeln.
Fazit: Abschied (Ending) und Nebelzone (Neutral zone) können nicht übersprungen werden!
Es hilft enorm, zu wissen: Das ist normal. Noch mehr: Es ist natürlich, heilsam, klug und professionell.
Und wenn du ein wenig wie ich bist, hilft es dir zu wissen: Diese Schritte bewusst zu setzen, das ist zukunfts- und lösungsorientiert. Alles andere ist Aktivismus.
Das ist ein innerer, einschneidender Prozess, eine Reise, durch untiefe Gewässer und Nebelbänke. ist es immer leicht? Nein, aber diese ganze Zeit in deinem Leben ist nicht leicht, oder? Ein bewusster Prozess gibt dir etwas in die Hand und es fühlt sich so leicht wie möglich an. Weil du was tust und weißt: Ich bin auf einem guten Weg. Es wird. Irgendwas wird kommen für mich. Noch keine Ahnung, was.
Du hast wieder Vertrauen in dich und deine Lösungskompetenzen. Und kommst aus der Phase heraus mit neuen Gedanken, Ideen und einem Gefühl von innerer Freiheit. Das ist besser als Morasttreten, oder?
Dieser Text kommt nicht aus dem Lehrbuch. Ich weiß, wovon ich spreche. Und begleite seit Jahren Menschen in Krisen- und einschneidenden Veränderungssituationen.
Bei mir gibt es einen klaren Blick, konkrete Schritte und die Fragen, die dich wirklich weiterbewegen, gerade dann, wenn dir das selbst nicht möglich ist. Du willst wissen, was ich für dich tun kann? Dann schreibe eine Email an hallo@sehheldin.eu.


Auf diesen Text bin ich gestoßen (worden), als es genau so war, wie darin beschrieben. Alles fühlt sich schwer an, nichts macht mehr Sinn oder Freude: die Nebelphase.
Und tatsächlich – es hilft zu wissen: Das ist normal.
Und dass man diese Phase nicht überspringen kann.
Für diese Erkenntnis schon einmal DANKESCHÖN!
Sehr gerne! Ja, das ist eine Zeit, die schwer aushaltbar ist, weil wir so gerne Lösungen und Visionen hätten. Ich denke aber: Wenn wir in dieser Phase handeln, etwas tun, dann kann sie sich immer noch sehr schwer anfühlen und gleichzeitig sehr sinnvoll. Hier habe ich auch zu geschrieben: https://sehheldin.eu/lebensumbruch-warum-ich-meinen-perfekten-plan-fallen-liess/. Bleibe mutig, herzlich, Anne