Dein Leben und du, ihr passt gerade nicht mehr zusammen. Vielleicht hat dich eine Krankheit aus deinem alten Leben geholt, eine Trennung oder eine völlig unerwartete Kündigung, die dich in deinen Grundfesten erschüttert. Das, was einen beträchtlichen Teil deiner Identität ausgemacht hat: zerbrochen, zerschmettert oder unmöglich geworden. Um dich herum gefühlt ein Scherbenhaufen deiner Ideen zu deinem Leben und deiner Zukunft.

Vermutlich kannst du im Moment nur erahnen, was sich alles ändert durch diese eine zentrale Veränderung, durch diesen Verlust. Wie tief es dich trifft und wie groß die Auswirkungen auf alle Bereiche deines Lebens wirklich sind. Ich gehe sogar davon aus, dass dir jetzt noch gar nicht ganz klar ist, wie tiefgehend dies mit deiner eigenen Identität verbunden ist.

Ich bin mir sicher: Jetzt kann es dir noch nicht gelingen, so objektiv wie möglich Bilanz zu ziehen und eine innere Aufstellung davon zu machen, was nun wirklich der Vergangenheit angehört und wovon du Abschied nehmen musst. Zu frisch, zu neu, zu ungewollt, zu unbekannt.

Du fühlst dich geistig und körperlich erschöpft, einfach nur erschöpft. (Zur Müdigkeit passt mein Blogartikel: Du bist gerade unendlich müde.). Oder du bist unglaublich aktiv und lenkst dich ab, mit Allem, was dir einfällt.

Warum du versuchst, sofort wieder zu funktionieren

Du hast gelernt, dich „nicht hängenzulassen.“ Stillstand ist keine Option“, flüstert dir die Stimme im Kopf zu – vermutlich schreit sie eher, als dass sie flüstert. Sie treibt dich an, zu planen und zu tun. Es muss ja schliesslich weitergehen.

Machst du schon Pläne für deine neue Zukunft? fragen dich die Menschen schon nach wenigen Wochen.

Dein Herz sinkt, das schlechte Gewissen bleischwer verankert im Körper. Ich müsste, denkst du. So geht das wirklich nicht, sei mal nicht so faul, ruft diese Stimme wieder, gnadenlos.

Du raffst dich auf und entwirfst Ideen und Pläne, wie es weitergehen soll. Mit „Smarten“ Zielen aus dem Lehrbuch. Zufrieden gehst du ins Bett und mit Hoffnung im Herzen. Schritt 1 und Schritt 2 bearbeitest du am nächsten Tag. Hey, geht doch, denkst du, Haken dran. (Was sind Smarte Ziele: Hier ein Link)

Aber irgendwann bleibst du hängen. Du setzt um, aber es passiert nicht wirklich was oder du setzt nichts um und dein schickes Visionboard verkommt zur Tapete. Du fühlst dich schlechter als vorher. Jetzt fühlst du dich so richtig nutzlos und klagst dich an, nichts auf die Reihe zu bekommen.

Nachts kreist es im Kopf, tagsüber kreist es weiter. Schluss jetzt, denkst du, ich suche mir jetzt einen Coach. Das ist die Lösung! denkst du erleichtert, dann bin ich nicht alleine und bekomme wirklich konkrete Hilfestellung und eine Richtung. Konkrete Ziele, konkrete Schritte, Strategien. Gedacht, getan.

Du bekommst neuen Mut, du fühlst dich weniger alleine und gehst erneut konkrete Schritte; das tut dir gut. Deine Umgebung atmet erleichtert auf. Endlich.

Deine altbekannte innere Stimme sagt: Gut machst du das. Immer nach Vorne schauen. Nicht hängen lassen. Das wird schon! Du bist müde? Tja, hilft ja nichts, Augen zu und durch. Es geht um deine Zukunft!

Eine Weile geht das gut mit dem neuen Schwung und den schönen Plänen, die sich so gut anfühlen und dann kommt das Tal: Du bleibst stecken, schon wieder.

Dein Leben fühlt sich immer mehr an wie „Zurück auf Los“. Du fühlst dich als ob deine Füsse im Morast feststecken. Gute, hoffnungsvolle Anfänge und dann…Füsse im Morast. Gedankenkreisel, Nebelbänke im Gehirn und im Herzen.

Ach was, schlimmer: Jetzt machst du dir richtig Vorwürfe. Viel Geld ausgegeben, Menschen in Anspruch genommen, die mit dir denken und sparren und planen. Es geht dir nicht gut, gar nicht gut. Du warst doch immer so stolz darauf, Lösungen zu finden.

Der Moment, in dem du endlich durchatmen darfst

Ich hoffe, dass du in einem dieser Momente meinen Text findest. Ich hoffe, dass du dich gesehen fühlst und durchatmen kannst. Dass du merkst, dass das, was sich falsch und faul anfühlt so unglaublich menschlich ist.

Mehr noch: Dass du verstehst: Ich habe versucht, den dritten Schritt vor dem ersten zu machen und bin dabei über mich selbst gestolpert. Das ist völlig normal, denn wem ist es schon jemals gelungen, das mit dem dritten Schritt vor dem ersten?

Denn gerade ist nur eines sicher: Deine Seele braucht Ruhe. Durchatmen. Sie braucht dich. Sie möchte eingehüllt werden in eine warme Decke, liebevoll und voller Mitgefühl für dich selbst.

Vergiss nicht: Du trauerst um deine Gegenwart und um deine Zukunft, so wie du sie dir vorgestellt hast oder so wie sie „normal“ scheint. Das hat auch etwas mit Identität zu tun, das ist nicht alleine die praktische Oberfläche.

Je unerwarteter, je tiefgreifender die Veränderung ist, desto mehr braucht dein ganzes System jetzt die Zeit um hinterherzukommen. Dein Kopf hat vielleicht schon ganz viel begriffen, dein Kopf kennt die offiziellen nächsten vernünftigen Schritte, aber dein Geist, alles von dir, inklusive deinem Gehirn, sind noch wo völlig Anderes.

Hörst du mich, wenn ich dir zurufe: Nimm dir Zeit. Sieh, dass es schwer ist. Sieh. dass es gross ist.

Sieh, dass dein Körper und deine Gefühle dir zeigen: Mache jetzt langsam. Nimm dir die Zeit, die du brauchst, um wirklich zu verstehen, dass nichts mehr ist, wie es war. Dass es nie mehr so sein wird, wie gedacht. Nimm dich ernst, sieh dich, sieh dich wirklich. Deine Seele reist noch, dein Kopf wird sich darüber nicht hinwegsetzen können.

Höre nicht auf die alten, gnadenlossen Stimmen, lass dich nicht in das vermeintlich Sinnvolle pressen durch deine Umgebung. Alle meinen es gut mit dir, das ist wahr. Aber das heißt noch nicht, es gut tun! Und noch weniger, dass es eine sinnvolle Vorgehensweise ist!

Ein Schritt nach dem Anderen, hier kann nichts übersprungen werden.

Nimm dir die Zeit, um deine Vergangenheit, deine Träume, deine bisherigen Ideen über dich selbst und dein Leben zu würdigen – und dich mit Liebe von ihnen zu verabschieden. Nimm dir die Zeit, um in dir etwas Neues entstehen zu lassen. Nimm dir die Zeit, die deine Seele jetzt braucht. Braucht, um Abschied zu nehmen, braucht, um zu verstehen, braucht um das, was ist als neue Realitäten anzunehmen.

Diese Reise ist so individuell. Wie lange sie dauert für dich, das hängt von so vielen Faktoren ab. Lerne, dir zu vertrauen, dem Leben zu vertrauen in dieser Zeit des Nicht-Wissens.

Ein Modell kann helfen, zu verstehen und anzunehmen

Das ist alles natürlich leichter gesagt, als getan: Die äusseren Faktoren sind so dringend, die Sorgen greifbar, die Sehnsucht so groß.

Ich habe in meinem Leben ziemlich viele dieser aktivistischen Schleifen gebraucht, um zu verstehen: Alles, was ich jemals über Veränderungen und Neuanfänge gelernt habe in Weiterbildungen und in meiner Arbeit mit Teams und Organisationen, gilt auch für mich. (Natürlich, das geht gar nicht anders, aber auch ich wollte es nicht wahrhaben, habe den Vorwürfen zugehört und mich von meinen Ängsten antreiben lassen.)

So wie ich gestrickt bin, hilft mir der Weg über Wissen, das ich dann durchfiltere an den Rest von mir. In meinem Fall musste ich mich, wie so viele Fachmenschen, erst einmal an mein eigenes Wissen erinnern und dann bereit sein, auf mich anzuwenden.

SEHHELDIN Sonne

Wenn dir, wie mir, Modelle helfen: William Bridges Transition Model

Wenn du weiter forschen willst: Ein nicht sehr bekanntes, aber überschaubares und wie ich finde sehr zutreffendes Veränderungsmodel ist von William Bridges (Bridges Transition Model):

Es beginnt mit

  • Endings: Etwas bewusst abschließen und dann kommt
  • die sogenannte Neutral Zone, also neutrale Zone. Ich nenne sie immer die Nebelzone.

Die Nebelzone war auch mal eine Mit-Namensgeberin für die SEHHELDIN: Wenn du auf deiner Entdeckungsreise nach einem neuen Beginn willst, wirst du lernen müssen, diese Nebelbänke zu navigieren. Und das kostet ungeheuer viel Mut! Das ist die schwerste Zeit, in der das Alte nicht mehr da ist und das neue noch nicht in Sicht.

  • Erst dann kommt der Neubeginn (New Beginnings). Das ist der Schritt, den du zum Beispiel in einem Karrierecoaching angehen kannst, mit Planung und smarten Zielen und konkreten Schritten.

Klar, das ist ein Modell und wie jedes Modell: Es kann auch mal anders sein. Oder die Nebelbänke lichten sie einmal schneller und einmal langsamer. Oder du warst schon bei dem Neubeginn, wieder ändert sich was und schwupps, bist du wieder bei Schritt 1 Endings.

Was aber sicher ist: Ohne die Neutrale oder Nebelzone geht es nicht, sie ist nicht zu umschiffen, hier musst du durch.

Mir hilft es SEHR – in Großbuchstaben! – zu wissen: Das ist normal. Es ist sogar ausgesprochen klug, sich dann nicht treiben zu lassen von Ängsten und Stimmen und Gewohnten, sondern in Ruhe zu schauen, was jetzt wirklich dran ist.

Musst du dann einfach nur abwarten, bis sie endlich vorbei ist?

Nein! Im Gegenteil, denn wenn du das tust, passiert ja doch etwas in dir. Entweder du verdrängst und beginnst doch schon mal beim Neubeginn, der noch gar nicht dran ist oder du wirst niedergeschlagen oder depressiv, weil du dich dann in erster Linie als Opfer deiner Situation und als Looserin empfindest.

Was dir wirklich hilft, wenn alte Pläne nicht mehr funktionieren

In diesen Lebensphasen brauchst du Gegenüber. Verbindung. Verständnis. Es geht nicht allein! Erwarte das also auch nicht von dir! Du bist nicht schwach oder unfähig, wenn du das einsiehst, im Gegenteil! (Been there, done that). Alleine tut dir nicht gut. Alleine ist mühsam. Alleine ist schmerzhaft. Und noch nebliger.

Meine eigene Erfahrung und Überzeugung: In diesen Phasen ist alleine ein klassisches, lösungsorientiertes Coaching nicht sinnvoll. Die meisten Therapieansätze auch nicht, ich kenne zumindest keinen Ansatz, der mit der Nebelzone wirklich gelungen umgeht.

Es braucht Menschen, die im Herzen verstehen, dass diese Gefühle von Nebel und Müdigkeit natürliche und gesunde Reaktionen auf einschneidende Veränderungen und Verluste sind.

Es braucht Menschen, die wissen: Wenn du diesen Teil deiner Reise versuchst abzukürzen, wirst du nicht ankommen, jedenfalls nicht in einem sinnvollen Leben, deinem sinnvollen Leben.

Gut zu wissen: Ich habe aufgrund dieser Erfahrungen und mehrerer „zerschlissener“ Coaches und Therapeuten selbst meine Fähigkeiten ausgebaut, um genau diese Begleitung für dich sein zu können – wenn du willst. (Und nur dann! Ich sage nie, dass ich die einzige Möglichkeit bin, das wäre nicht nur unprofessionell, sondern auch unethisch)

Was jetzt besser ist als Aktivismus

Am schwersten auszuhalten ist es, nicht in Aktivismus zu verfallen. Nicht doch zu planen, nicht doch schon viel zu früh Zukunftspläne zu schmieden.

Was hilft, ist zu verstehen: Alles, was du jetzt tust, wird vermutlich keine Früchte tragen. Du bist da noch nicht!

Wenn du es trotzdem tun willst, weil es dir gut tut, dann tu es! Wenn du es tun willst, weil dich deine Ängste oder inneren Muster dazu treiben, dann lass es!

Kannst du jetzt gar nichts tun, musst du einfach passiv abwarten?

Nein, auf gar keinen Fall, auch das wäre nicht hilfreich. Ich tue in diesen Zeiten sehr viel. Meist folge ich meinem Bauchgefühl und Frage dann mein Wissen und meine Erfahrung als Begleiterung von einschneidenden Veränderungsprozessen.

So war das auch mit dem ersten Deep Listening Training (Rosamund Olivier) Ich wollte etwas tun, etwas, das ich für mich tun kann. Noch mehr, etwas, dass ich auch in die Welt geben wollte in diesen Zeiten, in denen sich so Vieles verhakt. Das hat mir dann wiederum ein Gefühl von Sinnhaftigkeit gegeben, in einer Zeit, in der ich ansonsten hauptsächlich im Trüben fischte.

Auf meinem Lernweg habe ich dann gespürt: Wenn Menschen mir auf diese sehr besondere und tiefgehende Art und Weise zuhören, werden Dinge in mir klarer, es lichten sich Nebelbänke und ich kann fühlen, wann Ängste das Wort führen und was wirklich neue Ideen für mein Leben jetzt sind.

Das ist ein Beispiel von vielen Möglichkeiten. Wichtig ist, dass du in innerer Bewegung bleibst, dir einen Boden unter den Füssen erschaffst, der dich trägt, auch wenn sonst gerade nichts mehr deutlich ist. Dass du spürst, wo du Weichen stellen kannst, auch wenn du noch nicht weißt, wo dich die Reise genau hinführt.

Das braucht Mut, SEHHELDIN-Mut; denn du stellst dich damit dem, was nicht leicht ist, mit offenen Augen und offenem Herzen. Und vor Allem: Liebevoll. Mit Mitgefühl für dich selbst.

SEHHELDIN Sonne

Fazit

Zwischen Gestern und Zukunft liegt immer eine Durststrecke. Eine Zeit des Nicht-Wissens. Eine Zeit, in der deine Seele begreifen will und muss, dass es dein altes Leben so nicht mehr gibt und deine Zukunft anders aussehen wird als gedacht. Eine Zeit, in der alles in dir einen neuen Platz finden muss. Eine Zeit auch der Trauer.

Es hilft enorm, zu wissen: Das ist normal. Noch mehr: Es ist natürlich, heilsam und klug.

Und wenn du ein wenig wie ich bist, hilft es dir zu wissen: Diese Zeit jetzt wirklich und bewusst zu leben, das ist zukunfts- und lösungsorientiert. Alles andere ist Aktivismus.

Das ist ein innerer, einschneidender Prozess, eine Reise, durch untiefe Gewässer und Nebelbänke. Wer dir verspricht, dass es leicht ist, der lügt. Aber wie so Vieles, was nicht leicht ist und was du doch bewusst und ohne Selbstvorwürfe, Schritt für Schritt durchlebst, verändert es dich und dein Leben. Mich persönlich machen diese klug durchlebten Nebelphasen stärker und stolzer als so Vieles, was im Aussen so viel mehr leuchtet.

Du wirst immer wieder hineinrutschen, in den altbekannten Aktivismus, der sitzt tief und ist so gut gelernt. Und dann erinnere dich an diesen Text, überlege: Ist das jetzt schon dran oder treiben mich alte Muster und Ängste? Einmal tief Durchatmen und dich daran erinneren: Du wirst merken, was dran ist. Da bin ich sicher.


Mein Blogbeitrag hat dich angesprochen, dir einen Aha-Moment gegeben oder du erkennst ganz viel wieder? Dann kommentiere gleich hier drunter, ich antworte auch auf jeden Fall.

Ich schreibe für dich, damit du dann, wenn dein Leben auf wackligen Pfeilern steht, findest, was du suchst. Jenseits von Tschakka oder einfachen, Pseudo-Tipps, etwas, bei dem du fühlst: Das hat Substanz, ich fühle mich gesehen.

Mehr davon? Dann abonniere gleich meinen SEHHELDIN-Brief.

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