Sieh dich! schreibe ich häufig. Ich rufe ziemlich alleine, gesellschaftliche Strömungen sind gegen mich. Vielleicht fühlst du eine kleine Sehnsucht, wenn du das liest. Folge ihr. Unbedingt! Denn ich bin überzeugt: Dies ist die Basis. Die Basis dafür, dass du wirksame Schritte setzt für dein Leben. Dass du überhaupt die Idee bekommst, dass das Leben da eine Frage an dich stellt. Die Basis für echte Heilung. Ganz besonders spreche ich dich an, wenn du „zwischen den Welten“ alleinegelassen deinen ganz eigenen Weg finden musst: Wenn deine Gesundheit fühlbar Einfluss auf dein Leben nimmt, ohne dass du offiziell eine Behinderung hast. (Vielleicht bist du sogar sehr weit davon entfernt). Sieh dich! – für dich.


„Wie geht es dir denn?“ „Ich bin vor einigen Monaten mit Hashimoto diagnostiziert worden“, sagt die Frau. „Ach, ist schon ok, das ist mit Medikamenten gut einstellbar. Ich bin wirklich täglich dankbar.“ Die braungebrannte Camperin sagt dies äußerlich strahlend während eines Reiseprogrammes.

Ich höre den Schmerz. Kleingeredet. Weggedrückt.

„Ich komme klar mit meiner neuen Situation. Gut, dass du für dich einen Weg gefunden hast.“ Das schreibt mir ein Projektleiter, dessen Arzt ihm gerade sehr nahegelegt hat, dass er von jetzt an weniger große Projekte annehmen sollte.

Ich höre den Schmerz. Ungefühlt. Ungesehen.

„Ich kann meine Linsen nicht mehr gut vertragen. In meiner dicken Brille will ich aber nicht nach draußen. Habt ihr noch eine Idee, was ich tun kann?“ So oder so ähnlich schon öfter gelesen in meiner Facebookgruppe für Hochmyope.

Ich höre den Schmerz. Totgeschwiegen. Ungehört.

Unsere Gesellschaft belohnt, was deinem Lebensglück im Weg steht

Ich bin mir sicher: Du weichst deiner Traurigkeit oder deinem Schmerz nicht bewusst aus. Du hast dir zu eigen gemacht, was gesellschaftlich akzeptiert ist.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der erwartet wird, dass wir mal kurz traurig sind, uns da durcharbeiten und dann wieder fröhlich in Richtung Zukunft schauen. Positiv, natürlich. Voller Kraft das Beste draus machen. Immer nach vorne. Ach ja, und am besten noch kommen wir dann am Ende unserer Reise toller und stärker im Leben an. (Stichwort: Heldenreise)

Die meisten von uns lernen nicht, dass Traurigkeit und Schmerz menschliche und natürliche Reaktionen sind, wenn wir etwas verlieren.

Traurigkeit muss „weg“ und zwar so schnell wie möglich. Menschen lernen nicht, wie sie hilfreich reagieren, wenn andere traurig sind. Trauer wird pathologisiert vom System. Und überhaupt: Trauer, dass ist doch das, wenn ein geliebter Mensch stirbt und du kaum noch weißt, wie du durch deine Tage kommst, oder? (Stimmt nicht, aber das ist ein anderer Post)

Auf Social Media lese ich Berichte von sogenannten Influencern, die erzählen, dass sie natürlich nicht jammern, sondern sich stattdessen eine tolle neue Lösung überlegen. 100 fach geteilt. Beglückwünscht. Mein Herz zieht sich zusammen. Ich verkneife mir Reaktionen, weil ich weiß, dass ich keine Chance hätte gegen den kollektiven Rausch.

Du und ich, wir brauchen Menschen, die den Mut haben, ihre Gefühle sehen und ihnen den nötigen Raum geben. Menschen, die das „und“ leben. DAS sind echte Held*innen! Mut entsteht aus echtem Mitgefühl für dich selbst.

Wenn deine Gefühle nicht sein dürfen, verlernst du, sie zu sehen

„Du kannst keinen Verlust in dein Leben integrieren, ohne Schmerz zu erfahren. Alles, was du tust, um Schmerz wegzudrücken, verhindert deinen Trauerprozess. Dann fühlst du keine Trauer mehr, aber auch keine echte Freude. Alle Gefühle sind gedämpft.“

Prof. Dr. Manu Keirse, klinischer Psychologe und Experte für Verlust und Trauer

Die meisten Menschen haben nie gelernt, mit Trauer umzugehen, wenn sie nicht zufällig ein tolles Vorbild hatten. Der natürliche Schmerz verwandelt sich so in Leiden. (Megan Devine, It’s ok that you’re not ok). Leiden äußert sich häufig in Wut: Auf andere, auf das System oder in depressiven Gefühlen von Hoffnungslosigkeit.

Noch viel karger wird es, wenn unsere Umwelt nicht erkennt, wie schmerzhaft etwas für uns ist. Dann lernen wir früh, oft sehr früh, unseren Schmerz schnell wieder wegzudrücken. Immer wieder. Bis er sich nur noch in Fragen nach Tipps nach außen traut oder in einem „ach, ich komme schon klar.“

Unsichtbare Verluste machen dich unsichtbar

Ich habe viele Jahre nicht getrauert. Ich war schon immer hochgradig kurzsichtig. Ich war oft unglücklich: Wegen der dicken Brille. Wegen der Linsen. Wegen der peinlichen Situationen im Sportunterricht. Wegen verkorkster Tanzstunden. Wegen gefühlter Unattraktivität. Wegen verpasster spontanen Aktionen. Wegen unmöglicher Karrierewege. Komplizierte Star-OPs mit Anfang 30. Misslungene Laser-OP davor. Ich habe viel gekämpft, sehr viel. Natürlich habe ich über meine Sorgen gesprochen, aber so, wie ich es gelernt hatte: Aus meinem Kopf heraus. Gefühlt habe ich wenig, auf meine Trauer hatte ich keinen Zugriff.

Erst, als ich mich mit den Themen auseinandersetzte, wurde mir plötzlich deutlich: Ich habe überhaupt wenig gefühlt. Genau das, was Prof. Dr. Keirse beschreibt. Zu selten wirklich glücklich, zu selten wirklich traurig. Bewusst war mir dies natürlich nicht. Das war so. Ich kam ja klar.

Das Ergebnis von fast 50 Jahren unsichtbarem Schmerz.

Sieh dich! Sieh deinen Schmerz! rufe ich ganz laut, seitdem ich es begriffen habe und gelernt habe, den unsichtbaren Schmerz von anderen zu hören. Ich sehe dich. Sieh dich auch. Für dich..

Drama bekommt Aufmerksamkeit

2020 zerschmetterte ich meinen Ellbogen spektakulär; so spektakulär, dass ich von der Krankenversicherung (!) einen wunderschönen Blumenstrauß erhielt. „Für so schlimme Fälle“, so die nette Dame am Telefon, „haben wir ein besonderes Budget. Ich hoffe, die Blumen geben Ihnen ein wenig Kraft.“

Das haben sie! Weil sie ein Zeichen von außen waren, das mir sagte: Es ist wirklich schwer. Wir sehen das.
Ich schaute auf den Strauß und fühlte, wie es mir warm ums Herz wurde. Gesehen. Noch heute fühle ich, wie die Schmerzen sich dadurch etwas weniger heftig anfühlen.

Sichtbare Verluste bekommen Aufmerksamkeit

Kein Drama, keine Sichtbarkeit

„Das linke Auge ist um eine Dioptrie schlechter geworden.“
Eine Hiobsbotschaft, wenn du als Teenager sowieso schon unter einer dicken Brille leidest oder unter scheuernden Kontaktlinsen.

„Du darfst die weichen Linsen nicht mehr tragen. Die harten wirst du täglich leider weniger lang vertragen.“
Am Boden zerstört war ich als junge Frau mit – 23 Dioptrie-Augen als ich dies hörte.

Die Linsensituation hatte damals massive Auswirkungen auf mein Berufs- und mein Privatleben mit enormen Sekundärverlusten an Karrieremöglichkeiten und Lebensfreude.

„Wir erwarten, dass der Workshop so lange geht, bis ein konkretes Ergebnis herauskommt. Das kann auch mal bis 20:00 Uhr sein.“ Das ist mir leider nicht möglich. Spannenden Auftrag verloren. Finanzielle Einbußen.

„Sie haben links jetzt eine myopische Makuladegeneration. Da kann man nichts machen. Aber sonst sieht es doch noch ganz gut aus.“

Verluste an denen ganz viele andere Verluste hängen. Die nicht heilen. Die für immer sind. Die höchstens noch größer werden. Kein Blumenstrauß, nirgends.

„Leider ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie irgendwann schwer sehbehindert werden.“

Zack. Da wäre ein ganzes Orchester mit traurigen Violinen angemessen, oder? Und jede Menge wunderbarer Blumensträuße. Aber nichts von dem.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals wirklich getrauert habe. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich geweint habe. Stark sein, war die Devise. Immer weiter.

„Toll, wie stark du bist.“, habe ich regelmäßig gehört. Dieses Lob macht den Schmerz unsichtbar. Aus Versehen, gut gemeint und doch. Auch hier fehlt meist das „und“. Und glaube mir: Wir haben eine gute Antenne dafür, ob es eine echte Bestärkung ist oder eher sagt: Schnell weg vom Schmerz. Der ist mir zu viel. Der macht mich hilflos.

Wenn die Welt dich nicht sieht mit deinem Schmerz und deinen Verlusten, wie sollst du das dann lernen für dich?
Wenn die Welt dich nur lobt, für deine Stärke und dafür, dass du nie aufgibst und nie dafür, dass du den Mut hast, deinen Schmerz zu sehen, wie sollst du deine Tränen weinen können?

Unsere Schmerz ist oft unsichtbar, selbst für uns. Wir haben so sehr gelernt, unsere Gefühle wegzudrücken und zu rationalisieren, dass wir sie selbst kaum noch fühlen können.

Anne Niesen | SEHHELDIN

Nur wenige Fachleute erkennen unterdrückte Trauer

Ich hatte meinen alten Beruf aufgeben müssen, meine Augen werden schlechter und beeinflussen mein gesamtes Leben. Ich will endlich an meine Gefühle ran. Ich buche einen Wochenendworkshop zum Thema „Mit persönlichen Verlusten umgehen.“

Der Workshop bringt sehr viel Trauer zutage. Zu allen möglichen Verlusten, meine „Augentrauer“ schweigt. Die Sehnsucht ist groß, ihr zu begegnen, weil mein Kopf weiß, darin liegt echte Heilung. Es gelingt nicht.
Der wenig empathische Workshopleiter: „Bist du sicher, dass dies ein Thema ist?“ JA! Ja! Ja!

„Ich sehe dich“

Einige Wochen später schaut mich ein älterer Herr mit sehr viel Mitgefühl an und sagt mit Wärme in seiner Stimme: „Das scheint mir wirklich schwer. Es tut mir leid, dass du so viel Schweres auf den Weg bekommen hast.“ Er wusste fast nichts von mir. Er sah mich. Ich weine zwei Tage durch. Endlich.

Foto eines Schriftzugs auf dem Bürgersteig: ZIe je iets? Auf Niederländisch: Siehst du etwas?
Siehst du etwas?

7 Fakten: Das bringt es dir, deinen Schmerz zu sehen

  1. Wenn dein Körper Einfluss auf dein Leben nimmt, sind daran Verluste gekoppelt. Kleinere, mittlere, große. Immer.
  2. Jeder Verlust ist gekoppelt an Schmerz.
  3. Deine Außenwelt kann nur selten begreifen, wie schwerwiegend oder weitgehend diese Verluste für dich und dein Leben sind. Je unsichtbarer die Krankheit, je weniger.
  4. Sekundärverluste werden meist gar nicht mitgedacht, dabei wiegen die oft schwerer als die gesundheitlichen Verluste an sich.
  5. Gerade darum ist es nötig, dass du dich siehst. Wenn du vermeintlich negative Gefühle unsichtbar machst, blockieren sie dich.
  6. Kleinreden, flüchten, wegdrücken führt dazu, dass du dich immer mehr von dir entfernst. Deine Seele leidet. Die Wunde bleibt offen. Das muss sich nicht dramatisch anfühlen. Du weißt ja nicht, wie es dir geht, wenn es anders ist.
  7. Schmerz, Traurigkeit und Trauer brauchen Zeug*innen. Menschen, die dich wirklich sehen. Die dir wirklich zuhören. Die sagen: „Erzähle. Ich bin hier. Ich höre dir zu. Ich urteile nicht. Ich verurteile nicht. Ich bin hier. Du belastest mich nicht. Ich bin hier. Ich sehe dich.“

Siehst du dich schon? Wirklich? Lässt du dich sehen? Gehst du Schritte für dich, damit das, was verborgen ist und unsichbar endlich sichtbar sein kann? Damit Wunden sich schließen können? So kommst du wieder wirklich im Leben an. In deinem Leben.

Sieh dich! rufe ich voller Überzeugung. Sieh deine Verluste. Sieh deinen Schmerz.

Ich rufe mit Wärme. Mit Verständnis. Sieh dich! Ich sehe dich. Ich helfe dir, dich zu sehen. Wenn du das willst.


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