Podcast: „Schau doch auf das, was noch möglich ist.“ – warum dieser Satz mal hilfreich und mal toxisch ist | SEHHELDIN

„Schau doch auf das, was noch möglich ist.“
Da ist er wieder dieser Satz. Den gibt es auch noch im Angebot mit kleinen Abwandlungen wie zum Beispiel: „was doch noch geht“ oder „was es Schönes in deinem Leben gibt“.

Das scheint so ein bisschen die Standardantwort zu sein, wenn eine*r erzählt, dass etwas nicht mehr geht, weil der Körper andere Pläne hat. Eine typische Antwort ist dann zum Beispiel: „Oh. Aber du kannst doch noch so viel. Schau doch danach, was doch noch möglich ist.“ Flappsig will ich dann sagen: „Echt jetzt?“. Wegen dieses Satzes an falscher Stelle habe ich schon eine Therapie abgebrochen.

Vielleicht schaust du gerade ungläubig und denkst: Was soll falsch sein an diesem Satz? Der ist doch positiv und strahlt Zuversicht aus. Ausserdem lese ich den doch überall als guten Tipp für ein erfülltes Leben.

Verstehe mich nicht falsch: Die Idee an sich ist gut und kann dir genau die neue Perspektive aufzeigen, die dir Hoffnung gibt und Zuversicht für deine Zukunft. – wenn die Voraussetzungen stimmen.

Vergiss nicht: Du trauerst – zu Recht!

Du weißt: Du hörst diesen Satz nicht, weil eine Kleinigkeit schief gegangen ist oder es deine Lieblingshose nicht in deiner Größe gibt.

Du verlierst, was bisher zentral stand in deinem Leben: Deine Gesundheit. Deinen Sehsinn in Teilen oder ganz. Energie, deinen Tag nach deinen Wünschen zu gestalten. Vielleicht Unabhängigkeit. Deine berufliche Identität – um nur mal einige Punkte zu nennen.

Jeden Tag konfrontiert dich dein Körper mit den Verlusten. Vielleicht kannst du heute etwas nicht, was noch gestern einfach zu dir gehörte. Oder dein Körper sagt dir kontinuierlich: Tut mir leid, meine Liebe, mein Lieber, das willst du vielleicht, aber ich mache da nicht mit.

Egal, wie lange du schon schlecht siehst, egal, wie lange du schon an einer chronischen Krankheit leidest, es ist und bleibt ein Verlust.

Völlig egal, wie gut du praktisch damit umgehen kannst, welche Lösungen du schon dafür gefunden hast: Es bleibt ein Verlust, mit dem du täglich konfrontiert wirst.

Fakt ist: Wenn du etwas verlierst, was dir enorm wichtig ist, ist dies traurig.
Fakt ist: Traurigkeit ist kein negatives Gefühl, sondern kann sehr heilsam sein.
Fakt ist: Jedes Gefühl, dass du unterdrückst, gärt unterschwellig weiter und wird größer und nicht kleiner.

Deine Gefühle sind

Gefühle, alle Gefühle, gehören zu uns. Sie sind. Sie sind nicht falsch, sie sind nicht richtig, sondern sie sind.

Dieser Satz hat (häufig) nichts mit dir zu tun

„Schau doch auf das, was noch möglich ist.“
Dieser Satz vermittelt dir sehr oft hauptsächlich eine Botschaft: „Deine Gefühle sind nicht richtig. Es ist negativ, traurig zu sein.“

Aber weißt du was?
Dieser Satz sagt dir vor Allem etwas über dein Gegenüber:
Dieser Mensch kann deine Traurigkeit nicht gut aushalten und will, dass es dir einfach gut geht. Dieser Mensch fühlt sich hilflos und reagiert mit einer Phrase. Vielleicht will er oder sie auch den eigenen Schmerz ignorieren. Es einfach nett haben. Vielleicht hat er oder sie nie gelernt, dass alle Gefühle zum Leben gehören. Vielleicht belegt er/sie alle Gefühle, die nicht fröhlich sind mit dem Label „negativ.“

Wenn du merkst: Ich werde wütend oder noch trauriger, dann vertraue dir und deinem Gefühl! Dann weißt du: Dieser gutgemeinte Tipp hilft dir zu dem Zeitpunkt nicht, ist aus Versehen übergriffig und gehört auf jeden Fall in die Kategorie „Ungefragter Ratschlag.“

Ist der Gedanke „die Möglichkeiten sehen“ denn grundsätzlich falsch?

Aber nein, er ist goldrichtig – unter den richtigen Voraussetzungen.

1) Du entscheidest, wann dein Herz offen dafür ist.

Jede*r trauert anders. Jede*r geht anders mit Verlusten um. Auch in der Trauer sind wir individuell. Es gibt kein richtiges oder falsches Trauern. Es gibt nur deinen ganz eigenen, individuellen Weg, diesen existentiellen Verlusten einen Platz zu geben in deinem Leben. Dir einen neuen Platz zu geben in deinem Leben.

Klartext

Niemand, wirklich NIEMAND, kann dir vorschreiben, wann du gefälligst jetzt endlich nach dem schauen sollst, was noch möglich ist. Wann du gefälligst jetzt endlich mit dem Positiv-Denken anfangen sollst.

Was hilft: Wenn sie dich fragen

  • wie es dir gerade geht mit deiner Lebenssituation (wenn sie wirklich an einer Antwort interessiert sind)
  • ob es dir (gerade) hilft, wenn du auch daran denkst, was dir noch alles Schönes möglich ist.
  • was du vielleicht brauchst, um dorthin kommen zu können für dich selbst.
  • ob sie etwas tun können, was dir hilft, dorthin zu kommen.

2) Es ist Raum für deine Gefühle – alle Gefühle

Du befindest dich nicht irgendwann in einer Art Paradies, in dem du gelassen über allem stehst. Du bist nicht irgendwann abgeklärt und findest es jeden Tag deines Lebens völlig ok, dass du so wenig Energie hast für die Dinge, die dich mit Freude erfüllen. Es ist nicht eines Morgens für immer kein Problem mehr, dass du viele Dinge nicht mehr kannst oder dass du weniger selbstständig bist, als dir lieb ist. Vergiss veraltete Theorien zur „Verarbeitung“ von Verlusten, die suggerieren, dass du irgenwann einen Haken dran machst und alles ist gut.

Du bist ein Mensch und kein Roboter! Das Leben ist kein Entweder- Oder.

Was mir hilft (und vielleicht auch für dich was ist)

Ich denke „und“:

Du darfst traurig sein oder sauer und du siehst bewusst deine Möglichkeiten.

Konkrete Beispiele aus meiner letzten Woche:
„Ich genieße es, in diesem schönen Cafe zu sitzen und auf den Fluss zu schauen und ich bin ziemlich erschüttert, dass ich jetzt das WC nur noch durch Tasten finden konnte auf dem dunklen Gang.“

„Es ist richtig schön, hier durch die Straßen von Amsterdam zu wandern, mich inspirieren zu lassen, Neues kennenzulernen und ich bin traurig, dass es so überdeutlich wird, wie schnell meine Energien jetzt aufgebraucht sind und dass ich so viele Stunden auf dem Zimmer verbringen muss.“

Mir gibt diese Methode Seelenfrieden. (Ich habe sie noch nirgends anders gelesen, vielleicht habe ich sie tatsächlich erfunden?)

Weil ich mich sehe, mit Allem, was da ist. Kein erzwungener Optimismus, der Gefühle übertüncht und wegdrückt. Mein Verlustschmerz, meine Trauer, mein Entsetzen dürfen sein und meine Zuversicht, mein Optimismus, meine Lebensfreude.

Wichtig: Ich erlaube mir auch, „nur“ traurig zu sein


Auch das „und“ kann ein neuer Zwang sein und ein Zeichen dafür, dass ich (wir) uns nicht erlauben, zu fühlen, was so natürlich und heilsam ist.
Ich übe schon seit zwei Jahren, dass ich einfach traurig sein „darf“. Ohne Stimmen, die sagen: „Stell dich nicht an.“ oder „sei nicht undankbar.“ oder eben „jetzt schau gefälligst auch auf das, was doch geht.“

Mir fiel das unendlich schwer und wenn ich ehrlich bin, jetzt auch noch oft. Der innere Stimmenchor, der sich aus Erziehung speist und aus Vielem, was wir aufnehmen aus unserem Umfeld, ist laut, sehr laut.

Übung macht auch hier die Meisterin. Und: Du musst es nicht zur Meisterschaft bringen, Gesell*in ist auch prima. Denn sonst hättest du dir ja einen neuen Anspruch kreiert, oder?

Was ich dir unbedingt auch noch sagen möchte:

Vertraue dir! (mehr als den Stimmen)

Wenn du grundsätzlich ein lebensfroher Mensch bist, dann weißt du: Du lässt dich gerade nicht ins Negative fallen. Du übertreibst nicht. Du lässt dich nicht hängen. Im Gegenteil: Du spürst, was dir gerade gut tut. Was sich heilsam anfühlt oder eben einfach gerade nicht anders möglich ist. Du bist klug und achtsam.

Du bist traurig, vielleicht sogar mal verzweifelt. Und da hast du verdammt nochmal allen Grund zu.

Wenn du ein lebensbejahender Mensch bist, dann weißt du: Du wirst dann wieder mit Freuden deine Möglichkeiten sehen und ergründen, wenn dein Herz bereit dazu ist. Denn wir Sehheld*innen gestalten unser Leben und sind selbstbewusst-Handelnde.

Anne Niesen / SEHHELDIN

Wie so oft: Du entscheidest!

Du entscheidest, wann du dir sagst: Ich möchte jetzt intensiv auch nach dem schauen, was möglich ist. Was gut ist. Was mir Lebensfreude gibt. Was mein neues Leben ausmacht. Und ab und zu bin ich traurig. Oder wütend oder verzweifelt. Und das ist gut so.

Und ich? Ich werde jetzt nicht mehr oder nur noch kurz wütend, wenn mich diese Phrase trifft und denke: Nicht mein Thema, das gehört zu dir. Und denke mein „und“ oder auch mal nicht. Meine Entscheidung. Deine auch.


Auch als erfahrener Coach gehe ich diesen wirklich nicht einfachen Weg nicht alleine, sondern lasse mich begleiten. Du willst dir auch einfacher machen, was schwer ist? Dann bin ich von Herzen gerne deine Wegbegleitung. Schreibe mir eine Email.

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