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Podcast: Nichts mehr aufschieben oder Sehverlust ohne Reue

Dieser Text ist für dich, wenn du nicht weißt, was oder ob du in Zukunft noch sehen können wirst. Dieser Text ist für dich, wenn dir sehr viele Gründe einfallen, etwas nicht zu tun oder es auf „irgendwann“ herauszuschieben (was meist auf das Gleiche hinauskommt). Dieser Text ist für dich, wenn du dich dem Verlust deines Augenlichtes stellen willst, wenn du akzeptierst, dass du deine Sicht verlierst. Dieser Text ist ein Appell an alle Augenärzte.

Keine Zeit mehr für Ausreden

Stell dir vor, du sitzt bei deiner Augenärztin und sie sagt folgenden Satz:  „Wie lange es dauert, kann ich nicht voraussagen, aber dass Sie sehbehindert werden, ist zu mindestens 95% sicher. Um ehrlich zu sein, liegt die Wahrscheinlichkeit eher höher. Wenn Sie noch sehend eine Weltreise machen möchten, würde ich es nicht zu lange aufschieben.

BANG. Diesen Satz höre ich aus dem Mund von Professor Dr. Klaver, DER Spezialistin für hochgradige Kurzsichtigkeit hier in den Niederlanden bei meinem ersten Termin bei ihr.

Warum diese klare Aussage Kraft gibt

Prof. Dr. Klaver spricht aus, was ich noch von keinem Augenarzt so deutlich gehört habe, niemals. Was vielleicht nur du verstehen kannst, die in einer ähnlichen Situation ist: Mein Herz und mein Verstand haben dies gebraucht. Eine klare Aussage und kein Googlewissen. Schockierend? Ja, natürlich. Aber noch mehr: Erleichternd. Mit diesem Satz kann ich etwas anfangen.

Prof. Dr. Klaver hat mit mir auf Augenhöhe gesprochen, mir meinen OCT Scan nachvollziehbar und geduldig erklärt, mir meine Fragen empathisch beantwortet. Ihre Antworten stützen sich auf langjährige Studien. Ich weiß: Sie sagt es nicht einfach mal so, es ist kein unachtsam hingeworfener Satz. Das ist meine Realität, auf die sie mich vorbereitet. (OCT: Erklärung von Pro Retina zum Nachlesen hier)

Wenn Sie noch sehend eine Weltreise unternehmen möchten, würde ich es nicht aufschieben.

Ich höre dies und weine fast vor Erleichterung.

Ja, wirklich. Endlich, endlich erhalte ich so viel Klarheit, wie es zum jetzigen Stand der Wissenschaft möglich ist. Googlewissen oder selbst Erfahrungen anderer kann ich wegwischen. Und doch setzt es sich irgendwo fest, eine Wunde, die unterschwellig anfängt zu eitern. Myope Augen verändern sich oft schleichend, es ist so unglaublich einfach, Wahrnehmungen als Einbildung wegzufegen. Aber natürlich weißt du in deinem Inneren: Es stimmt, egal was so einige Augenärzte mir (nicht) erzählen. („Ach, Ihre Netzhaut sieht doch noch verhältnismäßig gut aus.“, „Tja, da kann man leider überhaupt keine Prognosen machen.“) Danke, für Ihr Wissen, Ihren Mut und Ihre Klarheit, liebe Dr. Klaver.

Lebendig und mutig

Diese Aussage in ihrer Klarheit lässt mich mit Gewissheit spüren:

Ich will die Frau sein, die auf ihr Leben zurückschaut und denkt: Wow, wie toll. Ich habe mein Leben in die Hand genommen und mich mutig den Realitäten gestellt.

Ganz sicher will ich mir später keine Vorwürfe machen, weil ich meine Lebendigkeit in „hätte ich doch“, „wäre ich doch“ Gedanken erstickt habe.

Eine Weltreise interessiert mich nicht. Japan ist mein Ziel.


Für die, die es wissen möchten: Warum Japan?

Ich habe Japanologie studiert und vier Jahre in Japan gelebt und gearbeitet. Ab 2000 war ich regelmäßig vor Ort um internationale Teams zu begleiten. In Europa unterstütze ich Menschen, die mit japanischen Kunden oder Kollegen arbeiten. Japan ist seit 30 Jahren Teil meines Lebens und damit auch ein Teil von mir. Ich wäre nicht die Anne, die ich jetzt bin ohne meine Erfahrungen dort. 2015 war mein letzter Besuch, mein letzter offizieller Auftrag vor Ort. Die langen, anstrengenden Arbeitstage, die in Japan noch länger und anstrengender sind als hier – ich merkte, es geht nicht mehr.


Tun statt aufschieben

Kennst du sie, diese Gründe, die keine sind? Schlechte Jahreszeit, zu teuer, vielleicht doch was Anderes? Kurz schauen die Gründe, die keine sind, nochmal bei mir vorbei.

„Anne, Nicht-Aufschieben ist Nicht-Aufschieben. Es geht jetzt? Dann reist jetzt!“. Wie recht sie hat, meine kluge Freundin.

Energieschub

Ich organisiere, plane, koordiniere und bin in meinem Element. Eine Woche später sind die Flüge gebucht. Ja, Flüge, denn mein Partner hat ohne Zögern eingewilligt, mitzukommen. Einfach so, für einen Monat, aber ich schweife ab…
Ich fühle mich lebendig und tatkräftig. Ich habe begriffen: Die Rechnung ohne meine Augen machen, das geht schief. Also besprechen wir: Was wird möglich sein? Was vielleicht nicht? Wie gehen wir gemeinsam damit um?

Ich mache mir klar: Wir müssen nichts. Was möglich ist, ist möglich. Wenn ich einen oder sogar zwei Tage mich ausruhen muss, weil meine Augen nicht mehr können, dann ist dies so.

Ich freue mich – am meisten auf meine Freunde und Freundinnen. Einen Monat verbringen wir in Japan. Ich bin hier nicht als Touristin, alles ist vertraut. Es passiert unglaublich viel und auch sehr wenig.

Zurück zu Hause dauert es, bis ich fühle, wie sehr mich diese Reise mit Glück erfüllt.

Reisen an sich macht nicht glücklich. Vielleicht macht dich eine Reise sogar kreuzunglücklich.

Dieses Glück hat seinen Ursprung nicht darin, dass wir Tempel oder den Berg Fuji gesehen haben. (Auch wenn wir unglaubliches Glück hatten, dass sich dieser heilige Berg Japans uns drei Tage lang in ganzer Schönheit gezeigt hat). Was ist es dann?

Was glücklich macht

Ohne Garantie, sehr persönlich und doch bin ich sicher, dass meine Erkenntnisse ganz bestimmt nicht nur für mich gelten. Doch beurteile selbst.

  1. Nichts aufschieben, sondern einfach machen
    Mehrfach höre ich: Na, wenn du jetzt alleine wohnen würdest, könntest du dir das nicht mehr leisten. Das sehe ich anders. Es wäre schwieriger, ohne Frage. Trotzdem: Ich bin sicher, die heutige Anne hätte eine Lösung gefunden. (Die eigene Wohnung über AirBnB vermieten ist zum Beispiel immer eine Möglichkeit, so habe ich schon einmal eine Reise finanziert)
  2. Yes, I can!
    Diese Reise hat mich daran erinnert, wie stark ich bin, was ich alles schon gewuppt und durchlebt habe in meinem Leben. Die Erzählungen meiner Freunde haben auch für meinen Partner Bilder gemalt. „Weißt du noch, damals als du…“. Sie erzählen von Dingen, die ich schon fast vergessen habe. Von Situationen, die unglaublich klingen. Von Situationen, von denen ich mich frage, wie ich das damals gemacht habe. Nie, wirklich kein einziges Mal, dachte ich daran aufgeben, immer habe ich eine Lösung gefunden, wie unmöglich dies zunächst auch schien. Wie stark macht diese Gewissheit. Yes, I can! (jetzt und in der Zukunft)
  3. Verantwortung übernehmen
    Meine Augen werden zusehends schlechter. Ich verdränge dies nicht mehr (na ja, zumeist nicht mehr), und ich lasse mich auch nicht davon unterkriegen. Die Verantwortung dafür, wie ich mein Leben lebe habe ich. Ich möchte kein Opfer sein, sondern Handelnde.
  4. Verbindungen vertiefen
    Ich bin sicher, das höchste Glück ist es, sich verbunden mit anderen Menschen zu fühlen. Das ist sogar erwiesen. (Kennst du diesen TED Talk, auf Englisch). Mit Menschen zu sein, dich ich schon so lange kenne, mit denen mich so Vieles verbindet; Inspiration, Wärme, Geborgenheit, Bedeutung, Füreinander-Sein. Welch ein unermesslicher Reichtum.
  5. Akzeptieren lernen
    Sie gibt es auch, die Momente, in denen die Angst plötzlich und ungefragt in mir hochsteigt. Was, wenn ich, die so von Schönheit genießen kann, diese nicht mehr sehe?  Was, wenn ich so eine Reise nicht mehr selbständig unternehmen kann? Momente, in denen ich unglaublich frustriert bin, weil durch meine schnelle Augenüberforderung oft nur wenig in den Tag passt und so deutlich weniger als noch 2015.

    Schon im Vorfeld hatte ich mir fest vorgenommen: Ich werde traurige Gefühle nicht verdrängen. Sie benötigen ihren Raum. Diesen räume ich ihnen ein, aber mein Leben bekommen sie nicht. Ich hatte mir fest vorgenommen: Ich werde traurig sein UND genießen und mich freuen. Dies ist gelungen, ich bin stolz auf mich.
  6. Gemeinsam erleben
    Unsere Partner und Freunde werden automatisch Teil unserer Augengeschichte. Gemeinsam einen Weg finden: Was geht? Wie geht es gemeinsam? Was geht nicht? Wie gehen wir damit um? Unterstützung fühlen. Gemeinsam frustriert sein. Jemanden an meiner Seite zu wissen, der sagt: Ich komme mit.

Dies alles (und noch viel mehr) ist Glück.

Genug von mir geredet. Erzähle, wie ist das für dich? Was ist deine Japanreise? Was willst DU noch sehend machen? Was wirst du jetzt, heute, morgen tun?

Verrücktes oder weniger Verrücktes, einfach umzusetzen, schwierig umzusetzen? Du reist nicht gerne, aber du willst einmal eine Woche lang aufs Filmfest? Oder diesen Fotokurs machen für den du noch eine Kamera brauchst?

Tipp

Schauen auch bei dir alle Argumente gegen deine Idee vorbei?
Überprüfe: Stimmt dieser Grund wirklich oder ist es deine Angst, die hier redet oder deine Bequemlichkeit?
Werde kreativ! Frage dich: Wie könnte es doch gehen? Überrasche dich selbst!

Und ich?: Ich schaue mir gleich nochmal meine Bucketliste an. Da findet sich bestimmt noch etwas.

Bleibt mutig, liebe Mit-Sehheld’innen!
Eure Anne


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