Hohe Myopie ab -6 Dioptrien betrifft Millionen Menschen, doch die meisten fühlen sich damit völlig allein. Dieser Artikel erzählt, wie eine Facebook-Gruppe für Hochmyope 2018 in den Niederlanden entstand und warum ich 2019 die deutschsprachige Community gründete: Für dich, wenn du hochgradig kurzsichtig bist oder ein hochmyopes Kind hast. Spoiler: Stand Januar 2026 sind wir 425 Mitglieder.

In diesem Artikel erkläre ich, warum hochmyope Menschen eine eigene Community brauchen und welche 5 Gründe dafür sprechen.

Wie alles begann: Der erste Kontakt mit anderen Hochmyopen

“Ein Mitglied sucht Menschen mit hoher Myopie zum Austausch. Hohe Myopie beginnt bei – 6 Dioptrien.“

Ich traue meinen Augen nicht. Ein Aufruf an alle mit hochgradiger Kurzsichtigkeit, verschickt durch die Oogvereniging, der Patientenorganisation für Menschen mit Augenkrankheiten hier in den Niederlanden.

Sofort schreibe ich zurück: Ich! Ja! Unbedingt!

Wir telefonieren. Gerlof de Bois, der Initiator, ist der erste Mensch, mit dem ich jemals spreche, der über – 20 Dioptrien hat. In all den Jahren, der erste. Ich war immer alleine, die einzige weit und breit mit hochgradiger Kurzsichtigkeit. Schon nach wenigen Sätzen ist deutlich: Es gibt eine starke, verbindende Basis. Wir verstehen, ohne zu wissen.

Ich muss mich erstmal setzen. Mein Herz klopft schneller. Erst jetzt merke ich, wie alleine ich bisher war und wie groß die Sehnsucht danach, gesehen und verstanden zu werden. Auch von mir selbst.

Gespräche verliefen bisher eher so: „Ich bin stark kurzsichtig.“ „Ja, ich auch, ich habe – 3,00.“ Früher so: „- 20 Dioptrien, das ist viel. Wie viel Visus haben Sie denn mit Kontaktlinsen? 0,8 und 1,0? Dann ist doch alles gut.“

Im Dezember 2018 ruft Gerlof in den Niederlanden, wo ich wohne, eine geschlossene Facebookgruppe ins Leben: Oogvereniging Hoge Myopie, geführt von Betroffenen, unterstützt durch die übergreifende Patientenorganisation Oogvereniging. Ein großes, sehr großes, Dankeschön an die Oogvereniging: Durch ihre Unterstützung erhält die Gruppe vom ersten Tag an Glaubwürdigkeit und Reichweite. Und natürlich auch an Gerlof für seine Initiative und seine grandiose Moderation!

Sichtbar werden auch für uns selbst

Viele hochmyope Menschen fühlen sich alleine mit ihren Fragen, ihren Sorgen, ihrem Erleben im Alltag. Dieser Abschnitt beschreibt, warum das kein Einzelfall ist.

In den ersten Wochen sauge ich die Geschichten von Leben mit hoher Myopie förmlich auf. Geschichten, die nicht erst mit den Folgeerkrankungen beginnen, sondern schon als Kleinkind. Von Gefühlen, die ich so gut kenne und die ich so viele Jahre nicht ernst genommen habe.

Es ist auch eine Konfrontation mit den Realitäten: Nicht wenige berichten von komplexen und multiplen Folgen von pathologischer Myopie, einige sind mittlerweile hochgradig sehbehindert. Diese Lebensgeschichten lassen mich meine mögliche Zukunft erahnen. Das ist nicht schön und auch wieder gut: Denn es hilft mir, mich meinen Ängsten zu stellen.

Wir berichten uns von einem Leben, in dem es kaum Informationen gab und gibt. Bis vor Kurzem kannten viele das Wort Myopie nicht oder es war ein Wort ohne viel Inhalt. Wir haben schon immer schlecht gesehen, kurzsichtig, so wie so viele andere auch – dachten wir.

Alle, die bereit sind, zu fühlen und zu reflektieren merken deutlich: Wir alle sind geprägt von einem Leben, in dem wir uns selbst nicht ernst nehmen konnten, weil andere uns nicht ernst nahmen.

Hohe Myopie? Noch nie gehört – ein weit verbreitetes Problem

Trotz der hohen gesundheitlichen und gesellschaftlichen Relevanz ist hochgradige Myopie in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Selbst Hochmyope selbst kennen die Fachtermini oft nicht.

„Ich habe ganz normal mein Leben gelebt, mit einigen Unannehmlichkeiten vielleicht. Aber alles gut.“ „Ich hatte mit 7 schon – 7. Brille auf, fertig. Nie hat uns jemand erzählt, dass dies besonders ist. Noch weniger, wie hoch die Wahrscheinlichkeit zum Beispiel auf Netzhautablösungen.“ „Hohe Myopie? Noch nie gehört. Das fängt schon bei – 6 Dioptrien an? Das hat mir nie jemand erzählt.“ (Ein Echo meiner Erfahrungen, in diesem Blogpost beschrieben)

Stand Juni 2019: FB Gruppe Oogvereniging Hoge Myopie

Heute, im Juni 2019, hat die Gruppe schon 140 Mitglieder. Nach knapp vier Monaten war der Zusammenhalt schon so groß, dass wir unsere ersten Treffen organisierten: Eines in Belgien und eines in den Niederlanden. (In Belgien organisiert durch die Belgierin Anja de Vuyst, die einen sehr lesenswerten Blog schreibt)

Unsere Gruppe ist ein Geschenk. Sie ist eine Art Augenheimat für Hochmyope im niederländischsprachigen Raum geworden.

Warum Hochmyope eine eigene Community brauchen

5 zentrale Gründe für eine eigene Community für Hochmyope

  1. Würdigung, Anerkennung und tiefgehendes Verständnis
  2. Informationen
  3. Austausch
  4. Lobby / Bekanntmachung
  5. Netzwerk

Warum Gruppen für sehbehinderte und blinde Menschen nicht passen

  1. Viele Menschen mit pathologischer Myopie bekommen schon sehr früh Grauen Star (Katarakt), der auch völlig andere Risiken birgt als der normale Star im Alter. In allgemeinen Foren für sehbehinderte Menschen heißt es oft: „Grauer Star ist völlig problemlos, mach dir keine Sorgen.“ Das stimmt im Allgemeinen, aber nicht bei uns mit unseren sehr langen Augen und den oft angegriffenen Netzhäuten. In unserer Facebookgruppe wissen wir um diese Komplikationen.
  2. Oder: Eine junge Frau postet ein Bild von sich mit ihrer neuen Brille mit Gläsern von -20. Sie ist enttäuscht, frustriert, traurig. Sie fühlt sich so hässlich und gut fühlt sich so eine Brille auch nicht an. Wir kennen das Gefühl und nehmen ihre Enttäuschung ernst. Keine flachen Beruhigungen, kein einfaches „Ach, siehst du gut aus.“
  3. Als ich mich damit auseinandersetzen möchte, dass ich immer mehr Folgeerscheinungen durch meine pathologische Myopie bekomme, höre ich mehr als einmal: Du siehst noch? Das ist doch prima.“ Noch drastischer war es, als ich noch Visus 1 hatte mit Brille und schon sehr viele alltägliche Sorgen durch meine Kurzsichtigkeit.
  4. Sehr viele Fragen drehen sich um Brillengläser oder Kontaktlinsen. Oder für Kinder um Möglichkeiten rund um Myopiemanagement
  5. Wir kennen das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden zur Genüge. Wieder nicht ernst genommen werden, weil wir „zu gut sehen“, ist nicht hilfreich, im Gegenteil.

Starke Kurzsichtigkeit ist mehr als eine starke Brille. Sie prägt Alltag, Sicherheit und Identität.
Eine eigene Community, hier in Form einer Facebookgruppe, schafft Sichtbarkeit, Austausch und das Gefühl: Ich bin nicht allein.

Was mich außerdem begeistert:

  • Alle sind willkommen, ab – 6 Dioptrien aufwärts. Egal ob mit oder ohne Folgeerscheinungen.
  • Wir wollen mehr: Mehr Sichtbarkeit, mehr Anerkennung, mehr Forschung.
  • Wir bewegen etwas: Die Oogverenigung unterstützt uns dabei. (Gerade
    sind zwei große Artikel erschienen, ein Podcast über hohe Myopie ist in
    Produktion)

Danke. Unsere Gruppe ist großartig. Wir haben in nur sechs Monaten so viel für uns erreicht. Ich bin sicher: Dies ist erst der Anfang.

Meine Vision für den deutschsprachigen Raum

Eine Facebookgruppe Hohe Myopie auf Deutsch für alle ab – 6 Dioptrien, die ich so moderiere, wie ich es mir selbst wünsche: Klar und empathisch. Alle sind willkommen – auch Eltern stark kurzsichtiger Kinder. Wenn es hilft, bringe ich meine Erfahrungen und Informationen aus den Niederlanden mit ein.

Ich brauche selbst keine Zweitheimat, denn ich bin ja in den Niederlanden angebunden, auch medizinisch. Aber ich wollte im deutschsprachigen Raum allen das geben, was ich so lange nicht hatte und so froh war, endlich gefunden zu haben. Ich wollte zusätzlich meine Erfahrungen als Moderatorin und Coach einbringen und auch sehen, was nicht ausgesprochen oder gesehen wird. Einen Ort, wo Gefühle eine Rolle spielen dürfen und mitgesehen werden.

2019 gegründet: Meine deutschsprachige Gruppe Heimat für Hochmyope

Seit 2019 moderiere ich die deutschsprachige Facebookgruppe für Hochmyope und Eltern myoper Kinder. Wir haben Optikerwissen an Bord – inklusive Basiswissen für Myopiemanagement von Kindern. Natürlich ersetzen wir kein Fachwissen, sondern geben genau das Heimat und die Möglichkeit, informierte Patienten und Kundinnen zu sein.

Im Januar 2026 hat sie 425 Mitglieder.


Community entsteht gemeinsam

Die meisten Menschen, die „erst“ – 12 Dioptrien haben oder pathologische Myopie und – 20 Dioptrie und nicht hochgradig sehbehindert sind, leben zwischen den Welten und haben so wenig die Erfahrung gemacht, ernst genommen zu werden, dass sie kaum nach Informationen suchen und schon gar nicht nach einer Gruppe. Wenn du Menschen kennst, die sich genauso über eine Heimat freuen könnte, wie ich mich damals, lass es sie wissen!

Bis bald, in meiner Facebookgruppe Heimat für Hochmyope (und Eltern)!

Zum Inhalt springen