Heute Morgen empfing ich dieses wunderbare Emailgeschenk von meiner Freundin Vanessa. Sie ist auch hochgradig kurzsichtig. Wir begleiten unsere Leben schon seit fast 30 Jahren – und haben bis zu meiner Idee mit der Sehheldin noch nie in Tiefe über unsere Augen, unsere Ängste und unsere Erfahrungen gesprochen. Vanessa noch weniger als ich, weil sie mit -9 Dioptrie „einfach nur kurzsichtig ist“. Auch sie wusste bis zu meinem Blog nicht, dass Kurzsichtigkeit ab -6 Dioptrie mit sehr vielen Gefahren einhergeht. Sie lebt, wie so viele von uns, in dieser Grauzone zwischen normal-sehend und sehbehindert.
Wenn wir uns nicht ernst nehmen, wie können andere dies dann tun?
Im Folgenden zitiere ich Ausschnitte aus ihrer Email. Sie ist auf Englisch.
Nicht gesehen werden: Vanessas Worte
There is something remarkable about not being recognized
Vanessa
Vanessa beschreibt etwas, das viele von uns kennen: Nicht gesehen werden in etwas, das uns täglich prägt. Sehr oft ohne dass wir es selbst so richtig wahrnehmen: Unsere Entscheidungen, unsere Möglichkeiten, unseren Alltag, unser Leben.
Hier ihre Worte:
When I read the blog SEHHELDIN , I felt called.
There is something remarkable about not being recognized in my struggle that is effecting my entire life, my whole being and the choices I can make.
I really want to congratulate Anne Niesen for daring to state a very uncomfortable state of being. Living in a BLUR that is not blurry enough to get official support and not clear enough to (easily) do the normal thing and being invisible with this unspoken of challenge.
I have not seen anybody else address this topic. – I know there are more, we are not the only ones. I see signs of it all over the place including in my own life.
Reflecting on Sehheldin’s articles, I came to realize: I too, with “only” -9 dpt with astigmatism, am moving in that blury, grey inbetween zone. Even though I am far away from any official label of being handicapped and even far away from what most people consider very noteworthy.
And yet: I can’t drive by night, computer work causes eye pain after 30 minutes. I don’t see much in swimming pools and thus go far less than I would love to, running on trails is a real challenge and I need my dog to help me find my way safely. Skiing is impossible as I cannot see the depth of the shades of white.
There were times when I was brave and did give it a try to only realize I would horrify myself – which actually made my eyes function even less well.
And still: I was too proud and possibly too unaware to realize that I too am living and moving in a kind of grey zone of being visibly challenged. Reading Anne’s website made me think and reflect and realize this is a topic effecting not just me . I figure there are more of us that do not see crisp images and somehow fumble in a blur – and still somewhat magically manage.
In my perception any one with vision challenges is a HERO mastering everyday life. Even more so as the current world is now more and more becoming focused on image communication and screen time.
Thank you, Anne, for giving us a platform to communicate worldwide ,
Best From BC CANADA.”
Leben in der Grauzone: Was – 9 Dioptrie mit Astigmatismus für Vanessa bedeuten
Vanessa mit -9 Dioptrien kann nachts nicht Autofahren. Nach 30 Minuten Computerarbeit schmerzen ihre Augen. Schwimmen? Geht kaum. Auf Trails laufen? Nur mit ihrem Hund als Orientierung. Skifahren? Unmöglich – sie sieht die Tiefe im Weiß nicht.
Jede*r mit hoher Myopie sieht anders. Manche mit -9 und hohem Astigmatismus sehen so wie Vanessa, andere ganz anders. Aber: -9 Dioptrien werden von vielen belächelt. „Ach, nur kurzsichtig.“ Selbst von anderen Kurzsichtigen wird das oft nicht ernst genommen.
Und genau deshalb war Vanessa sich nicht bewusst, dass auch sie in dieser Grauzone lebt. Zu stolz vielleicht. Zu wenig informiert sicher.
Bis sie die SEHHELDIN las.
Dann erkannte sie: Ich bin nicht allein. Wir sind mehr. Und jede*r von uns, die*der mit dieser Sehbeeinträchtigung lebt, ist eine Heldin im Alltag.
Thank YOU, Vanessa. Genau darum schreibe ich: Damit du lesen kannst, was ich mir gewünscht hätte zu lesen und dich erkennst.

Ab -6 Dioptrien ist es nicht mehr normal
Genau darum geht es mir. Ab -6 dpt gilt Kurzsichtigkeit nicht mehr als „normal“. Wusstet ihr das? Ich nicht, sehr lange nicht. Ich glaube, ich war Anfang 50, als mir das so richtig deutlich wurde.
Mir hat das niemand erzählt, es war so wie es war. Nie wäre ich früher auf die Idee gekommen, mein Leben daraufhin zu untersuchen: Wie beeinflusst meine schlechte Sicht, meine verschwommene Sicht, mein Selbstbild, meine Möglichkeiten, meine Lebenseinstellungen?
Wenn wir uns nicht ernst nehmen
Solange wir sagen: „Ach, ich sehe etwas schlecht.“ oder „Ich bin ein bisschen kurzsichtig.“ nehmen wir uns nicht ernst.
Ich bin überzeugt: Wenn wir unsere Augen nicht ernst nehmen, nehmen wir UNS nicht ernst. Ich bin überzeugt: Verschwommen sehen und dies nicht ernst nehmen, hat Einfluss auf unsere Sicht auf unser Leben und darauf, wie wir im Leben stehen – konkret und übertragen.
Ein komplexes Thema, auf das ich bestimmt noch genauer eingehen werde. Ich denke, Vanessa hat es wunderbar aufgezeigt.
Nimmst du dich ernst? Wirklich ernst?
Erkennst du dich wieder? Lebst du auch in dieser Grauzone?
Ich würde so gerne von dir lesen: Was hat sich für dich verändert, seit du weißt, dass hohe Myopie keine normale Kurzsichtigkeit ist? Welche Zusammenhänge zu deinen Lebenseinstellungen siehst du?
Ich freue mich, von dir zu lesen. Kommentiere, denn auch alle anderen werden sich in deinen Erfahrungen wiedererkennen und du in ihren.

