Seit einigen Wochen läuft durch mein rechtes "gutes" Auge ein grauer Streifen, vielleicht ist es auch ein Fleck. Ich vermute, es handelt sich um eine weitere Ausdünnung der Netzhaut aufgrund meiner hochgradigen Kurzsichtigkeit.

Na, toll. Das ist neu. Der Kopf sagt: Ignoriere es. Hilft ja nichts. Im Magen sitzt die Angst. Mein gutes Auge, ich brauche dich! Lass mich nicht im Stich!

Machen deine Augen auch, was sie wollen?

„Jedes Mal, wenn ich frischen Mut fasse, eine strahlende Zukunft für mich beginne zu sehen, höre ich laut das hämische Lachen meiner Augen im Hintergrund.“

So steht es in meinem Augentagebuch. Vor einigen Wochen habe ich diese Worte förmlich aus mir herausgekotzt, aus dem Bauch heraus, ohne Zensur, ohne Abwägung.

Immer wieder aufs Neue

Wieder und wieder die nächste Stufe, die nächste Folgeerscheinung der hochgradigen Kurzsichtigkeit ins Leben integrieren; mit allem Mut, aller Zuversicht und aller Kreativität die mir zur Verfügung stehen.

Immer wieder. Seit ich mich erinnere. Das kostet so viel Kraft und geschieht meist unbemerkt durch meine Umgebung.

Nun höre ich sie wieder lachen, meine Augen. Laut und deutlich. Wieder ist etwas weniger selbstverständlich geworden.

Dieser Verlust hängt über mit eir ein Damoklesschwert. Das ist keine Lappalie. Und doch: Meist ungesehen und unbemerkt.

Mich ernst nehmen

Mir wird deutlich: Ich muss mir eine stabile innere Basis schaffen. Eine Basis, die mich trägt, wenn die Welt noch etwas streifiger oder grauer oder verzerrter wird.

Jahrzehntelang habe ich jedes Gefühl von Traurigkeit, fast jede Angst sofort im Keim erstickt. Ich habe immer weitergemacht, als ob nichts war. Jetzt funktioniert dies nicht mehr. Im September 2018 sagt mein Körper: Schluss. Extreme Stresserscheinungen. Ich beschließe: Tschüs Verdrängung, hallo Akzeptanz.

Diese 3 Dinge haben mir bisher unglaublich geholfen:

  1. 3-Tages-Workshops zur Verarbeitung von Verlusterfahrungen
  2. Ein Stille Retreat
  3. Meine wunderbare niederländische Facebookgruppe zu hochgradiger Myopie

Was hilft, das ist für dich sicher anders als für mich. Was gestern gut war, hilft morgen vielleicht nicht mehr. Eines weiß ich sicher: Diesen Weg kannst und solltest du nicht alleine gehen. Sehheld*innen wissen: Verlust kann nicht alleine verarbeitet werden, wir brauchen andere dazu.

Was ich gelernt habe

  • Wir Held*innen lächeln unsere Traurigkeit nicht weg.
  • Wir Held*innen stellen uns unseren Ängsten und reden sie nicht klein.
  • Wir Held*innen zeigen Menschen, die uns nahe stehen, dass wir Angst haben.

Lass uns die Zeit, die wir nötig haben, um den erneuten Verlust zu verarbeiten. Lasst uns tun, was hilft und notwendig ist.

Hallo Zukunft

Und danach: Lasst uns unser Leben wieder begrüssen!